Ein Gastbeitrag von Dier Lau
Milliarden für die Meinung, Nischenplätze für die Demokratie? Während ARD und ZDF ihre Krimi-Maschinerie auf Hochtouren halten, geht Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) auf die Barrikaden. Ihr Vorwurf: Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) verabschiedet sich von der Realität – und vom Volk. Es ist Zeit für eine Abrechnung mit der „gläsernen Festung“ am Rhein und am Lerchenberg.
Es sind Zahlen, die jeden Beitragszahler schwindlig machen: Über acht Milliarden Euro fließen jährlich in den Apparat von ARD und ZDF. Doch wer am Abend den Fernseher einschaltet, sieht oft nur das immer gleiche Muster. In den Talkshows rotieren dieselben Gesichter, die in einer Art „Meinungs-Karussell“ die Welt erklären. Das Problem: Die echte Debatte, das Ringen um Argumente im Deutschen Bundestag, findet im Hauptprogramm meist nur noch statt, wenn gerade ein Sendeplatz frei ist.
Klöckner-Knall: „Bundestag ist kein Lückenfüller!“
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat nun das ausgesprochen, was Millionen Zuschauer fühlen. Im Interview mit einer Sonntagszeitung ging sie auf Frontalkurs: „Manchmal sind Bundestagsdebatten von der Relevanz her für die Bevölkerung wichtiger als manche Sendung aus der Konserve“, schimpfte die Parlamentschefin. Ihr Urteil ist vernichtend: Der ÖRR nimmt seinen Auftrag zur politischen Bildung nicht ernst genug, wenn er wichtige Debatten in die Nische des Digitalsenders Phoenix abschiebt, während im Ersten der zehnte „Tatort“-Aufguss läuft.
Die Zahlen stützen diesen Frust. Während ein durchschnittlicher Tatort wie „Fiderallala“ im Jahr 2025 über 12,5 Millionen Menschen vor den Schirm lockte, muss das Parlament um jede Minute Aufmerksamkeit im Hauptprogramm kämpfen. Die bittere Wahrheit: Die „Vierte Gewalt“ hat sich in der Unterhaltung gemütlich eingerichtet und scheint zu vergessen, wer die Rechnung bezahlt.
Die arrogante Antwort der Sender-Bosse
Und wie reagieren die TV-Gewaltigen? Mit einer Mischung aus Abwehr und Ignoranz. Das ZDF teilte kühl mit, dass „kontinuierliche selbstkritische Reflexion“ ohnehin Kern der Arbeit sei. Man verwies beinahe belehrend darauf, dass Klöckner die Parlamentssitzungen wohl „nicht bekannt“ seien, da sie ja bei Phoenix liefen.
Diese Reaktion ist an Überheblichkeit kaum zu überbieten. Sie signalisiert dem Bürger: „Wir wissen am besten, was gut für dich ist.“ Es ist genau diese Haltung, die zu einer gefährlichen Entfremdung führt. Klöckner warnt zurecht: Schwierig wird es, „wenn die veröffentlichte Meinung sich immer mehr von der öffentlichen Meinung verabschiedet“.
Linker Filter in der Redaktionsstube?
Hinter der Kritik steht ein strukturelles Problem, das viele Studien belegen. Die berühmte Untersuchung unter ARD-Volontären zeigte bereits vor Jahren: Über 90 % der Nachwuchsjournalisten sympathisieren mit dem grün-rot-linken Spektrum. Was als „Haltungsjournalismus“ verkauft wird, empfinden viele Bürger als Erziehung. Ob Gendern gegen den Willen der Mehrheit oder eine Berichterstattung, die konservative Positionen oft nur als „umstritten“ rahmt – die politische Schlagseite ist für viele unübersehbar.
Zwar behaupten Studien des WDR (Infratest Dimap 2025), dass das Vertrauen insgesamt stabil bei etwa 55 % liege. Doch der Blick ins Detail offenbart den Riss in der Gesellschaft: Im Osten Deutschlands vertrauen nur noch 41 % dem System. Bei Anhängern der Opposition – und damit ist nicht nur die AfD gemeint, sondern auch Teile der Union – wächst das Gefühl, im Programm nicht mehr stattzufinden.
Zeit für die Radikal-Kur
Der am 1. Dezember 2025 in Kraft getretene Reformstaatsvertrag sollte eigentlich alles besser machen. Mehr „Klasse statt Masse“, mehr Fokus auf Bildung. Doch Papier ist geduldig. Wer echte Veränderung will, muss tiefer graben:
-
Schluss mit der Krimi-Diktatur: Politische Live-Berichterstattung gehört in die Primetime, nicht ins Nachtprogramm. Das Parlament muss wieder die Hauptrolle spielen, nicht der Kommissar.
-
Transparenz-Offensive: Wir brauchen einen „Meinungs-Check“. Die Zusammensetzung der Talkshow-Gäste muss monatlich veröffentlicht werden, um die oft kritisierte Einseitigkeit messbar zu machen.
-
Kognitive Diversität: Redaktionen müssen aufhören, nur Klone des eigenen akademischen Milieus einzustellen. Wer nur Menschen mit gleicher Weltsicht beschäftigt, produziert Einheitsbrei.
-
Mitsprache der Beitragszahler: Warum entscheiden nicht die Bürger direkt über Teile des Budgets? Ein „Bürger-Rundfunkrat“ könnte für den nötigen Realitätscheck sorgen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht am Scheideweg. Entweder er öffnet die Tore seiner Festung und lässt die echte, oft unbequeme Meinungsvielfalt wieder herein – oder er wird zum teuren Museum eines Journalismus, den keiner mehr braucht. Julia Klöckner hat den Weckruf geliefert. Es bleibt zu hoffen, dass in den Sendezentralen jemand zuhört, bevor der letzte Zuschauer abschaltet.
