Der neue Antisemitismus in Deutschland

Auschwitz gedenken, den Mob gewähren lassen: Wenn das ‚Nie wieder‘ an der Realität scheitert

Als am 27. Januar die Kränze in Auschwitz-Birkenau und an den Mahnmalen in Berlin niedergelegt wurden, trug die deutsche Politik Trauerflor und tiefe Betroffenheit im Gesicht. Es fallen Worte wie „Nie wieder“ und „Staatsräson“. Doch während die Reden geschwungen werden, zeigt ein Blick auf die deutschen Straßen, Universitäten und in die Kriminalstatistik ein Bild, das den offiziellen Bekundungen diametral entgegensteht. Acht Jahrzehnte nach der Befreiung der Vernichtungslager erlebt Deutschland eine Renaissance des Antisemitismus, die nicht nur aus der extremen Rechten kommt, sondern sich längst in der akademischen Mitte und in migrantischen Milieus festgesetzt hat.

Die nackten Zahlen der Feindseligkeit

Hinter den diplomatischen Floskeln verbirgt sich eine düstere Realität. Die Zahlen des Bundeskriminalamts sprechen eine deutliche Sprache. Seit den Terroranschlägen der Hamas am 7. Oktober 2023 ist die Zahl antisemitischer Straftaten förmlich explodiert. Allein im Jahr 2024 verzeichneten die Behörden einen Anstieg, der Experten fassungslos macht. Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland, warnte jüngst, dass die Hemmschwelle massiv gesunken sei. Jüdische Institutionen müssen rund um die Uhr polizeilich geschützt werden, Davidsterne werden an Haustüren geschmiert, und wer auf offener Straße eine Kippa trägt, riskiert tätliche Angriffe.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz stellt fest, dass der Antisemitismus als „Bindemittel“ zwischen verschiedenen Extremismen fungiert. Hier trifft sich der klassische rechtsextreme Judenhass mit einem aggressiven, religiös motivierten Antizionismus aus dem islamistischen Spektrum und einem postkolonialen Linksextremismus, der Israel als das „letzte koloniale Projekt“ dämonisiert.

Der akademische Elfenbeinturm als Brutstätte

Besonders erschütternd ist die Lage an den deutschen Hochschulen, die eigentlich Orte des freien Diskurses und der Aufklärung sein sollten. An der Freien Universität Berlin oder der Humboldt-Universität kam es in den letzten Monaten zu Szenen, die man in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten hätte. Jüdische Studierende berichten, dass sie Vorlesungssäle meiden müssen, weil sie dort von Kommilitonen eingeschüchtert oder als „Kindermörder-Unterstützer“ beschimpft werden.

Hamas-Terror wird in Flugblättern und bei Besetzungen oft nicht als barbarischer Akt gegen Zivilisten benannt, sondern als „notwendiger Widerstand“ gegen eine vermeintliche Besatzung umgedeutet. Ein Dozent einer Berliner Hochschule, der anonym bleiben möchte, beschreibt die Situation so: „Es hat sich eine Doppelmoral etabliert, in der man jedes Unrecht weltweit anprangert, aber beim schlimmsten Massaker an Juden seit der Shoah plötzlich ‚Kontext‘ fordert, um die Taten zu relativieren.“ Diese Relativierung des Terrors unter dem Deckmantel der Wissenschaftsfreiheit ist ein Schlag ins Gesicht derer, die „Nie wieder“ ernst meinen.

Die Straße und das hässliche Gesicht des Protests

Auf den Straßen deutscher Großstädte zeigt sich das Problem noch unverhohlener. Wenn tausende Menschen die Parole „From the River to the Sea, Palestine will be free“ skandieren, geht es nicht um humanitäre Hilfe für Gaza. Es geht um die Auslöschung des Staates Israel. Wer diese Slogans ruft, spricht sechs Millionen Juden das Recht auf eine sichere Heimat ab.

Oft sind es junge Männer mit Migrationshintergrund, die ihren Hass ungefiltert herausbrüllen. Hier offenbart sich das Dilemma einer verfehlten Integrationspolitik. Über Jahre wurde weggeschaut, wenn in bestimmten Vierteln ein antisemitisches Weltbild von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Kritiker werfen der Bundesregierung vor, dass sie zwar die Staatsräson betont, gleichzeitig aber durch eine ungesteuerte Migrationspolitik Menschen ins Land lässt, die mit einem tief verwurzelten Hass auf Israel und Juden aufgewachsen sind. Die Paradoxie könnte nicht größer sein: Während man die Befreiung von Auschwitz feiert, importiert man das Gedankengut derer, die Israel heute vernichten wollen.

Ein Land der zwei Maßstäbe?

In der öffentlichen Wahrnehmung wächst das Gefühl einer juristischen und moralischen Ungleichbehandlung. Es ist eine Tatsache, dass die deutsche Justiz bei politisch unkorrekten Äußerungen aus dem konservativen oder rechten Lager sehr schnell und rigoros durchgreift. Wer provokante Memes postet oder Slogans wie „Deutschland zuerst“ verwendet, landet oft schneller vor dem Strafrichter, als er „Meinungsfreiheit“ sagen kann. Der Vorwurf der Volksverhetzung ist hier schnell bei der Hand.

Doch wenn auf Demonstrationen der Tod Israels gefordert wird oder Sympathiebekundungen für die Hamas – eine in der EU gelistete Terrororganisation – laut werden, reagiert der Rechtsstaat oft seltsam zögerlich. Verfahren werden wegen „mangelnden öffentlichen Interesses“ eingestellt oder weil die Parolen als „freie Meinungsäußerung“ gewertet werden. Diese Asymmetrie in der Strafverfolgung nährt das Misstrauen in den Rechtsstaat. „Es entsteht der Eindruck, dass es einen ‚guten‘ und einen ‚schlechten‘ Hass gibt“, sagt ein bekannter Publizist. „Hass auf Deutschland wird verfolgt, Hass auf Israel wird oft als kulturelle Besonderheit oder berechtigter Protest abgetan.“

Die hohle Phrase der Staatsräson

Der Begriff der Staatsräson wurde von Angela Merkel 2008 in der Knesset geprägt. Er besagt, dass die Sicherheit Israels unumstößlicher Teil der deutschen Identität ist. Doch was ist diese Staatsräson wert, wenn sie im Alltag nicht gelebt wird? Wenn jüdisches Leben in Deutschland nur hinter Panzerglas und unter Polizeischutz stattfinden kann, ist die Staatsräson eine leere Hülle.

Die Doppelmoral zeigt sich auch in der Außenpolitik. Deutschland finanziert über Umwege Organisationen, die in ihren Schulbüchern zum Hass gegen Juden aufstacheln, und stimmt in der UN regelmäßig gegen Israel, während man im Inland die historische Verantwortung betont. Diese Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist es, die viele Menschen im Land umtreibt.

Zeit für echte Konsequenzen

Deutschland steht an einem Wendepunkt. Wenn das „Nie wieder“ mehr sein soll als eine wohlfeile Beruhigungspille für das nationale Gewissen, muss der Staat handeln. Das bedeutet:

  • Ein konsequentes Durchgreifen an den Universitäten gegen jede Form von Antisemitismus, inklusive Exmatrikulationen bei Gewalt und Hetze.

  • Eine Migrationspolitik, die die Werte des Grundgesetzes – und dazu gehört das Existenzrecht Israels – zur absoluten Bedingung für den Aufenthalt macht.

  • Eine Justiz, die das Strafrecht ohne politisches Auge auf der rechten wie auf der linken oder islamistischen Seite gleichermaßen anwendet.

Die Befreiung von Auschwitz jährt sich zum 80. Mal. Es wäre das schönste Geschenk an die Überlebenden, wenn sie sich in den Straßen Berlins, Münchens oder Hamburgs wieder sicher fühlen könnten – ohne dass ein bewaffneter Polizist neben ihnen stehen muss. Doch davon ist Deutschland im Jahr 2026 weiter entfernt, als es die Sonntagsreden vermuten lassen.