Baerbock warnt vor digitaler Gewalt

95 Prozent aller Online-Deepfakes sind nicht einvernehmliche pornografische Inhalte. 99 Prozent davon treffen Frauen. Annalena Baerbock warnt vor digitaler Gewalt gegen Frauen - Foto: KI-generierte Illustration

Annalena Baerbock schlägt Alarm: „95 Prozent sind Fake-Pornos!“

Straßburg – Es sind Zahlen, die aufrütteln. Und es sind Worte, die sitzen. Als Ex-Außenministerin Annalena Baerbock (45) am Dienstag vor Abgeordneten im EU-Parlament sprach, ging es nicht nur um Kriege, Krisen und die bröckelnde Weltordnung. Es ging um etwas, das leiser beginnt – aber genauso zerstörerisch ist: digitale Gewalt gegen Frauen.

Baerbock machte deutlich, was viele verdrängen: 95 Prozent aller Online-Deepfakes sind nicht einvernehmliche pornografische Inhalte. 99 Prozent davon treffen Frauen.

Das ist kein Zufall. Das ist kein „Ausrutscher“ der Technik. Das ist, so Baerbock, „tief systematisch“.

Digitale Erniedrigung als Waffe

Deepfakes – täuschend echt manipulierte Bilder und Videos – sind längst kein Spielzeug technikaffiner Nerds mehr. Sie sind ein Machtinstrument geworden. Eine Waffe. Und sie wird gezielt gegen Frauen eingesetzt.

Die Methode ist perfide: Ein Gesicht wird in ein pornografisches Video montiert. Das Ergebnis verbreitet sich in Sekunden. Für die Betroffenen beginnt ein Albtraum – Rufschädigung, Häme, sexualisierte Gewalt auf digitaler Bühne.

Baerbock weiß, wovon sie spricht.

Auch sie wurde Zielscheibe

Im Bundestagswahlkampf 2021 tauchte im Netz ein angebliches Nacktbild von ihr auf. Daneben der Satz: „Ich war jung und brauchte das Geld.“

Die Wahrheit: Das Bild zeigte ein Erotikmodel, das ihr ähnlich sah. Eine gezielte Täuschung – mit maximaler Demütigungsabsicht. Später sprach Baerbock selbst darüber. Es habe den Eindruck erwecken sollen, sie habe ihr Geld als Prostituierte verdient.

Im August 2024 folgte der nächste Tiefschlag: Eine frei erfundene Escort-Affäre mit einem nigerianischen Callboy wurde gestreut. Das Auswärtige Amt wies die Geschichte als „falsch, frei erfunden und völlig abstrus“ zurück. Der Verdacht: gezielte Desinformation, möglicherweise aus dem Ausland gesteuert.

Doch egal, woher sie kommt – das Muster ist immer gleich: Frauen werden sexualisiert, diskreditiert, mundtot gemacht.

„Die Wahrheit zu verteidigen ist kein Zuschauersport“

In Straßburg sprach Baerbock nicht nur über Deepfakes, sondern auch über Russland, die Ukraine, Gaza, Sudan und die Erosion der internationalen Ordnung. Ihr Kernpunkt: Wahrheit ist kein Selbstläufer.

„Schweigen ist eine Entscheidung. Untätigkeit ist eine Entscheidung“, sagte sie.

Gerade bei digitaler Gewalt gilt das doppelt. Denn sie findet nicht im Verborgenen statt. Sie spielt sich öffentlich ab – und wird doch viel zu oft achselzuckend hingenommen.

Die Täter sitzen im Dunkeln

Das Problem ist strukturell. Und es ist unbequem.

Solange Menschen anonym und unbehelligt in ihren Kinderzimmern und Kellern sitzen, hinter Bildschirmen versteckt, mit Fantasien von Macht und Demütigung, wird sich nichts ändern.

Solange Hass keine Konsequenzen hat, bleibt er attraktiv.

Solange Fake-Pornos mit wenigen Klicks erstellt werden können – ohne reales Risiko für die Urheber – wird die Hemmschwelle weiter sinken.

Digitale Gewalt ist billig. Verantwortung ist optional. Genau das ist das Kernproblem.

Anonymität als Schutzschild

Die Debatte ist heikel. Datenschutz, Meinungsfreiheit, Schutz der Privatsphäre – alles hohe Güter. Und gerade die Grünen haben diese Prinzipien stets mit Nachdruck verteidigt.

Doch die Realität zeigt eine gefährliche Schieflage:

Die Anonymität schützt zunehmend die Täter – nicht die Opfer.

Wer Deepfake-Pornos erstellt, wer sexualisierte Falschmeldungen verbreitet, wer Frauen gezielt bedroht oder erpresst, tut das meist unter Pseudonym. Accounts verschwinden. Neue tauchen auf. Strafverfolgung? Schwierig. Oft aussichtslos.

Die Folge: faktische Straflosigkeit.

Klarnamenpflicht – ein Tabu muss fallen

Wenn 95 Prozent aller Deepfakes pornografisch sind und fast ausschließlich Frauen treffen, dann reden wir nicht über Einzelfälle. Wir reden über ein strukturelles Gewaltproblem.

Eine mögliche Antwort, die immer wieder diskutiert wird: Klarnamenpflicht in sozialen Netzwerken.

Kritiker warnen vor Überwachung und Missbrauch. Befürworter argumentieren mit Verantwortlichkeit und Abschreckung.

Eines ist klar: Wer mit seinem echten Namen für seine Inhalte einstehen muss, überlegt es sich zweimal, bevor er eine Politikerin digital entkleidet oder eine erfundene Sex-Affäre streut.

Rechtsstaatlichkeit setzt Identifizierbarkeit voraus. Ohne sie bleibt das Netz ein rechtsfreier Raum für die Lautesten und Skrupellosesten.

Natürlich wäre eine Klarnamenpflicht kein Allheilmittel. Technische Umgehungen wären möglich. Internationale Plattformen müssten kooperieren. Datenschutz müsste neu austariert werden.

Aber die Alternative? Weiter zusehen.

Eine Frage der Macht

Deepfake-Pornos sind keine Spielerei. Sie sind eine moderne Form sexualisierter Gewalt.

Sie treffen Journalistinnen, Politikerinnen, Aktivistinnen – aber auch Schülerinnen, Studentinnen, Nachbarinnen. Jede Frau mit einem öffentlich zugänglichen Foto kann zum Ziel werden.

Das Ziel ist fast immer dasselbe: Einschüchtern. Bloßstellen. Zum Schweigen bringen.

Baerbock hat in Straßburg klar gemacht, dass das keine Randerscheinung ist, sondern Ausdruck eines tieferen Problems: Wer Frauen aus dem öffentlichen Raum drängen will, nutzt heute digitale Mittel.

Wegsehen ist keine Option

„Die Wahrheit zu verteidigen ist kein Zuschauersport“ – dieser Satz gilt nicht nur für geopolitische Konflikte. Er gilt auch für den digitalen Alltag.

Wenn 99 Prozent der Opfer weiblich sind, ist das keine technische Nebenwirkung. Es ist ein Machtgefälle.

Und solange Täter im Schutz der Anonymität agieren können, wird sich daran wenig ändern.

Die Frage ist also nicht, ob wir handeln – sondern wie konsequent.

Klarnamenpflicht, schärfere Strafverfolgung, klare Plattform-Haftung, schnellere Löschverfahren – all das gehört auf den Tisch.

Baerbock hat recht: Schweigen ist eine Entscheidung.

Und wer bei Deepfake-Pornos und digitalem Frauenhass weiter wegschaut, trifft ebenfalls eine Entscheidung – gegen die Betroffenen.

Der Kampf um Wahrheit, Würde und Gleichberechtigung wird längst nicht mehr nur auf Straßen oder in Parlamenten geführt.

Er wird auf Bildschirmen geführt.

Und dort entscheidet sich, ob wir digitale Räume als Orte der Freiheit begreifen – oder als Waffenarsenal gegen Frauen.