DAK-Zahlen: Deutsche im Schnitt fast einen Monat pro Jahr krankgeschrieben

Die Debatte über den hohen Krankenstand in Deutschland erhält durch neue Zahlen der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) zusätzliche Brisanz. Demnach waren Beschäftigte im Jahr 2025 durchschnittlich 19,5 Tage krankgeschrieben. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach in diesem Zusammenhang von „fast drei Wochen“ und kritisierte die aus seiner Sicht hohe Zahl an Fehltagen.

Diese Einordnung greift jedoch zu kurz. Da Beschäftigte in Deutschland in der Regel an fünf Tagen pro Woche arbeiten, entsprechen 19,5 Krankheitstage nahezu vier Arbeitswochen – also knapp einem vollen Monat. Bei durchschnittlich rund 21 Arbeitstagen pro Monat relativiert sich die politische Bewertung deutlich und wirft Fragen zur öffentlichen Darstellung der Zahlen auf.


Fakten (kurz und präzise)

Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten an rund 54,5 Arbeitstagen pro Jahr nicht. Das entspricht:

  • ca. 21 % der gesamten Arbeitstage pro Jahr

  • rd. 10,9 Arbeitswochen

  • knapp 2,5 Kalendermonate

Berechnungsgrundlage: Ø 19,5 Krankheitstage + Ø 28 Urlaubstage + 7 werktägliche Feiertage

(ausgehend von 5 Arbeitstagen pro Woche / 9-10 Feritagen pro Jahr)


Grundlage der Daten ist eine umfangreiche Analyse des Berliner Iges-Instituts, das die Krankmeldungen von rund 2,4 Millionen DAK-Versicherten ausgewertet hat. Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich kaum Bewegung: 2024 lag der Krankenstand bei durchschnittlich 19,7 Fehltagen. Für zusätzliche Verwirrung sorgt die unterschiedliche Berechnungsmethodik. Während die DAK Kalendertage erfasst, rechnet das Statistische Bundesamt mit Werktagen – ein Unterschied, der die öffentliche Diskussion maßgeblich beeinflusst.

Als häufigste Ursachen für Krankmeldungen nennt die Auswertung Atemwegsinfekte, gefolgt von psychischen Erkrankungen sowie Muskel- und Skeletterkrankungen wie Rückenschmerzen. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch zwischen den Branchen: Im Gesundheitswesen lagen die Fehlzeiten mit durchschnittlich 22,5 Tagen besonders hoch, während Beschäftigte in der Datenverarbeitung im Schnitt nur 12,6 Tage krankheitsbedingt ausfielen.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung. Da Arbeitnehmer erst ab dem vierten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen müssen, bleiben kürzere Ausfallzeiten statistisch unberücksichtigt. Kritiker sehen darin eine Verzerrung der tatsächlichen Krankenstände und fordern eine Überprüfung der geltenden Regelungen.

Vor dem Hintergrund anhaltend hoher Fehlzeiten wird zudem erneut über die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag diskutiert. Bereits Anfang 2024 hatte es Überlegungen gegeben, diese Regelung abzuschaffen. CSU-Chef Markus Söder sprach sich für eine frühere Pflicht zur ärztlichen Krankschreibung aus. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die telefonische Krankschreibung auf den Prüfstand zu stellen – ein weiteres Signal für mögliche Reformen.

Der Vorstandsvorsitzende der DAK, Andreas Storm, fordert einen Krisengipfel im Kanzleramt. Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen müssten gemeinsam nach Lösungen suchen. Der Krankenstand verharre auf einem dauerhaft hohen Niveau, weshalb eine vertiefte Ursachenanalyse notwendig sei. Als möglichen Ansatz bringt Storm die Einführung einer Teilkrankschreibung ins Spiel, bei der Beschäftigte nur für einen Teil ihrer Arbeitszeit krankgeschrieben würden.

Kritik an der politischen Debatte kommt vom Deutschen Gewerkschaftsbund. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi warnt vor pauschalen Unterstellungen gegenüber erkrankten Beschäftigten. Viele Arbeitnehmer gingen trotz gesundheitlicher Probleme zur Arbeit – oft aus Sorge um ihren Arbeitsplatz. Dies verdeutliche, wie dringend bessere Arbeitsbedingungen und ein stärkerer Fokus auf den Gesundheitsschutz erforderlich seien.

Die aktuellen DAK-Zahlen machen deutlich, dass der Krankenstand in Deutschland ein strukturelles Problem darstellt. Sowohl Wirtschaft als auch Beschäftigte sind betroffen. Eine sachliche Debatte über Reformen erscheint unerlässlich, um langfristig tragfähige Lösungen für den Arbeits- und Gesundheitsmarkt zu entwickeln.