Es fehlt der politische Arsch in der Hose, auch mal gegen die eigene Filterblase zu entscheiden
Deutschland kann noch brüllen. Aber kann es auch noch liefern? Schalten Sie im Februar 2026 irgendeine Debatte ein, egal ob im Bundestag, in der zwölften neuen Talkshow oder beim Scrollen durch die Gift-Postings auf X. Das Muster ist ermüdend identisch: Empörung auf Knopfdruck, Fehler diagnostizieren, Schuldige brandmarken. Und dann? Dann passiert mit schöner Regelmäßigkeit nichts, was den Fehler wirklich aus der Welt schafft. Wir sind Weltmeister im Diagnostizieren und bleiben doch der Patient, der auf dem OP-Tisch verrottet, während die Chirurgen im Nebenraum über die richtige Beleuchtung streiten. Ein Land der Laberer, das sich berauscht am eigenen Echo.
Das Paradoxe ist ja: Der Staatsapparat rattert fleißig weiter, produziert aber am Kern vorbei. 2024 und 2025 wurden hunderte Gesetze durchgepeitscht. Das Problem ist nicht mangelnder Fleiß im Paragrafen-Stricken. Das Problem ist, dass diese Beschlüsse im Alltag der Bürger nie in spürbare Ordnung übersetzt werden. Neue Regeln decken alte Defekte zu wie billige Tapete den feuchten Schimmel.
Mehr Normen, weniger Verstand
Wer heute noch „Bürokratieabbau“ ruft, ist meistens derjenige, der morgen die nächste Verordnung unterschreibt. Wir ersticken 2026 an einer Kleinteiligkeit, die Verantwortung verteilt wie Konfetti im Wind. Über 55.000 Einzelnormen regeln mittlerweile jeden Atemzug der Wirtschaft. Wenn etwas schiefgeht, ruft jeder reflexartig „Skandal!“, aber niemand hat mehr die Macht oder den Schneid, einfach mal durchzuregieren und den Müll zu entsorgen. Schuld ist immer „das System“, „Brüssel“ oder der Koalitionspartner. Am Ende fühlt sich niemand zuständig, aber alle fühlen sich furchtbar wichtig.
Vertrauen im freien Fall
Die Quittung steht schwarz auf weiß in den Umfragen. Während dem Verfassungsgericht noch eine Mehrheit vertraut, sind Bundestag und Parteien in den Keller gerauscht – wir reden hier von Werten zwischen 20 und 30 Prozent. Eine politische Klasse, der vier von fünf Bürgern misstrauen, will uns ernsthaft Kurskorrekturen verkaufen? Der Demokratie-Monitor 2025 hat es gezeigt: Die Zufriedenheit mit dem System auf Bundesebene ist im Keller. Je weiter man nach oben blickt, desto mehr wirkt Berlin wie ein Sender, der auf maximaler Lautstärke rauscht, aber kein Bild liefert.
Das Talkshow-Syndrom: Benennen als Ersatzhandlung
Im Jahr 2026 reicht es den Parteien offenbar, Probleme laut auszusprechen, als wäre das bereits die Tat.
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Migration? „Kontrollverlust!“
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Infrastruktur? „Sanierungsstau!“
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Energiepreise? „Wettbewerbskiller!“
Alles davon ist wahr. Aber genau das macht es so unerträglich: Das Offensichtliche wird zur Ersatzhandlung. Benennen ersetzt Beheben. Es ist der ultimative Trick der politischen Feigheit: Wer nur benennt, muss für das Ergebnis nicht haften. Denn ein Ergebnis wäre messbar, überprüfbar und damit abwählbar. Wer nur redet, bleibt vage.
Helmut Schmidt wusste noch: „Wer nicht redet, wird nicht gehört.“ Heute erleben wir die hässliche Fratze dieses Satzes: Wir reden so viel, dass am Ende niemand mehr handelt – und trotzdem bekommt jeder seine Bühne.
Wo sind die Macher geblieben?
Früher hatten wir Kanzler, die auf Ergebnisse pochten statt auf Erregungskurven. Helmut Kohl sagte trocken: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Heute zählt nur noch der Sound, die Klickzahlen und das Framing. Selbst ein Gerhard Schröder, an dem man sich wunderbar abarbeiten kann, hatte den Mut zur Agenda, er hat das Land verändert, mit klaren Kosten und klarer Verantwortung.
Heute dagegen wirkt Politik wie eine Endlosschleife aus Gipfeltreffen, Sondervermögen, Prüfaufträgen und dem ewigen Mantra „Wir müssen die Menschen mitnehmen“. In Wahrheit parkt man die Menschen in der Warteschleife des Stillstands.
Der Kern der Misere: Mut zur Korrektur fehlt
Echte Korrektur würde bedeuten:
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Prioritäten setzen (und Dinge wirklich beerdigen).
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Zuständigkeiten klären (statt sich hinter Gremien zu verstecken).
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Einfachheit erzwingen (statt neue Normschichten aufzutragen).
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Wirkung messen (statt Absichtserklärungen zu feiern).
Deutschland hat die Köpfe und die Kohle. Was fehlt, ist der politische Arsch in der Hose, auch mal gegen die eigene Filterblase zu entscheiden. Wir sind nicht politikverdrossen – wir sind ergebnishungrig. Wir sind es leid, dass Parteien lieber schreien als reparieren.
Deutschland ist im Jahr 2026 ein Land, das über Probleme referiert, als wäre das Seminar schon die Lösung. Aber irgendwann fragen die Leute nicht mehr: „Wer hat recht?“, sondern nur noch: „Wer macht’s endlich?“
