Die GenZ und die fehlende Arbeitsmoral

Die Vorhersagen für die deutsche Wirtschaft sind auch in diesem Jahr wieder ziemlich trüb. Das Wachstum stagniert, die Krankenstände erklimmen historische Gipfel und nicht wenige Traditionsunternehmen manövrieren am Rande des Abgrunds. In solch ungewissen Zeiten, in denen der gewohnte Wohlstand spürbar bröckelt, greift ein fast schon nachvollziehbarer Reflex: die Suche nach dem Schuldigen für diese Misere. Manche zeigen auf die Politik, andere auf die Chefetagen. Doch am bequemsten richtet sich der Zeigefinger auf das schwächste Glied in der Kette: die Jugend oder auch gerne Generation Z genannt. Das Urteil ist schnell gefällt: Die Jugend ist faul, verweichlicht und durch ihre mangelnde Arbeitsmoral der Sand im Getriebe der Wirtschaft.

Man könnte diesen Vorwurf nun mit einem Stapel Studien untermauern oder ihn mit einem ebenso großen Stapel widerlegen. Doch diesen Schlagabtausch kann man sich getrost sparen. Denn die Antwort auf die Frage, ob die Gen Z wirklich faul, arbeitsscheu oder verweichlicht ist, ist vollkommen irrelevant. Das eigentliche Problem ist nicht die Antwort auf die Frage. Das Problem ist die naive Hoffnung, die dahintersteckt: der Glaube, man könne eine hochkomplexe Strukturkrise erklären, indem man einer einzigen Altersgruppe den Schwarzen Peter zuschiebt.

Psychologisch betrachtet wirkt dieser Mechanismus verständlich. Die Welt ist unübersichtlich und komplex geworden. Zu sagen „Die Jugend ist schuld“, reduziert diese Komplexität auf ein erträgliches Maß. Es spart Energie und man kann sich an die Illusion klammern: Wenn die sich nur wieder zusammenreißen und so hart arbeiten wie wir früher, renkt sich das System von selbst wieder ein. Der charmante Nebeneffekt dieser Denkweise liegt auf der Hand: Man selbst muss nichts ändern. Die Verantwortung für die Lösung des Problems wird bequem delegiert, während man sich zurücklehnt und auf die Besserung der anderen wartet. Das mag in der Theorie sogar plausibel und logisch klingen.

Doch diese Rechnung geht leider nicht auf. Sie ignoriert eine fundamentale Grundregel des menschlichen Daseins: Verhalten entsteht niemals einfach so aus Lust und Laune. Kein Mensch entscheidet sich isoliert dazu, weniger zu leisten. Verhalten ist immer eine rationale Anpassung an das Ökosystem, in dem man sich bewegt. Und dieses Ökosystem hat sich in den letzten 20 Jahren radikal gewandelt.

Es ist eine Realität entstanden, in der technologische Dauerbeschallung das Belohnungssystem des Gehirns neu kalibriert hat. Eine Welt, in der die schiere Unendlichkeit an Lebensoptionen oft nicht wie Freiheit, sondern wie eine lähmende Last wirkt. Und vor allem eine Welt, in der das alte Versprechen: „das sprichwörtliche Hamsterrad“, an dessen Ende die goldene Karotte wartet an Glaubwürdigkeit verloren hat. Angesichts von Inflation und Immobilienpreisen wirkt der Deal „Harte Arbeit gleich Wohlstand“ für Berufseinsteiger oft wie ein Märchen aus grauer Vorzeit. Und das sind nur einige Beispiele dieser neuen Realität.

Das Verhalten der Gen Z ist nichts anderes als die logische Anpassung an diese neuen Variablen. Der entscheidende Unterschied zu älteren Semestern ist lediglich die Prägung. Die Jungen kennen nur diese neue Realität. Sie reagieren ungefiltert auf das Hier und Jetzt, weil sie keinen „historischen Puffer“ im Kopf haben. Wer schon dreißig Jahre gearbeitet hat, zehrt noch von den Spielregeln der Vergangenheit. Wer heute startet, spielt nach den Regeln der Gegenwart.

Deshalb verpuffen auch alle Appelle, jede Kritik und jeder moralische Vorwurf wirkungslos. Menschen ändern ihr Verhalten nicht, weil man sie belehrt. Sie ändern es nur, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Wer über die „schlechte Arbeitsmoral“ klagt, beschwert sich im Grunde über das Spiegelbild der Gesellschaft, die man selbst errichtet hat. Statt die Jugend zu beschimpfen, wäre es zielführender, die Arbeitswelt so zu gestalten, dass Leistung auch unter den neuen Vorzeichen wieder die logischste Antwort ist. Aber das ist unbequem, anstrengend und schwierig: doch alles andere ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Text: Benedikt Rousseaux