Sie pöbeln, drohen, diffamieren – und verschwinden dann hinter einem Fantasienamen mit Anime-Avatar. Wer heute im Netz Hass sät, wähnt sich oft unangreifbar: „War ich nicht. War mein Account. War Ironie.“ Das Internet hat vielen eine Stimme gegeben – leider auch denen, die andere mundtot machen wollen. Deshalb wird sie wieder heiß diskutiert: die Klarnamenpflicht. Also die Pflicht, sich online mit echtem Namen zu registrieren oder zumindest eindeutig identifizierbar zu sein.
Klingt nach harter Hand – und nach einem Eingriff in die Freiheit. Aber ist es nicht längst überfällig, dass die digitale Öffentlichkeit nach ähnlichen Regeln funktioniert wie die analoge? Wer auf dem Marktplatz jemanden beleidigt, kann nicht behaupten, er heiße „WutBürger88“ und sei deshalb nicht haftbar. Im Netz dagegen ist genau das seit Jahren Alltag.
Was überhaupt Sache ist: Klarnamenpflicht ist nicht gleich „Name für alle sichtbar“
Erst mal sauber trennen: Bei einer Klarnamenpflicht geht es nicht zwingend darum, dass der bürgerliche Name überall öffentlich unter jedem Kommentar steht. Es kann auch bedeuten: Plattformen müssen die Identität ihrer Nutzer verlässlich prüfen, der Nutzer kann nach außen weiter ein Pseudonym verwenden – aber im Streitfall ist klar, wer dahinter steckt. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn viele Menschen brauchen Schutz: Opfer von Stalking, Whistleblower, politische Aktivisten in autoritären Kontexten, Menschen in sensiblen Berufen.
Die technische Wahrheit ist aber auch: Anonymität im Netz ist oft nur eine Illusion. IP-Adressen, Gerätekennungen, Login-Daten – wer ermittelt, findet häufig Wege. Nur: Das dauert, ist teuer, ist mühsam. Und genau darauf setzen Täter. Eine wirksame Klarnamen- oder Identitätspflicht würde diese Hürde senken – und damit abschreckend wirken.
Pro: Weniger Hass, mehr Verantwortung
Das stärkste Argument ist simpel: Wer mit echtem Namen haftet, denkt eher nach. Nicht jeder wird plötzlich zum Musterbürger, aber die Hemmschwelle steigt. Studien und Praxiserfahrung aus Community-Management zeigen seit Jahren: Je anonymer ein Raum, desto schneller kippt die Gesprächskultur. Das ist nicht nur ein Gefühl, das ist Alltag in Kommentarspalten, bei Messenger-Gruppen, auf X, TikTok oder in Gaming-Chats.
Zweitens: Rechtsdurchsetzung wird realistischer. Beleidigung, üble Nachrede, Bedrohung, Volksverhetzung – vieles ist schon heute strafbar. Nur kommt es oft nicht an. Weil Anzeigen versanden, weil Zuständigkeiten unklar sind, weil Plattformen trödeln oder Daten fehlen. Eine Identitätsprüfung würde Ermittlungen beschleunigen und Opfer entlasten.
Drittens: Schutz der Demokratie. Organisierte Desinformationskampagnen, Bot-Netzwerke, koordinierte Shitstorms – sie leben davon, dass sich Akteure hinter einer Wolke aus Accounts verstecken können. Wenn digitale Identitäten überprüft werden müssen, wird Manipulation teurer und riskanter. Das löst nicht jedes Problem, aber es nimmt den billigsten Trick aus dem Werkzeugkasten.
Unsere Meinung
Im normalen Leben ist es doch auch normal, sich mit Namen vorzustellen ...
Contra: Datenschutz, Gefahr für Schutzbedürftige, Machtmissbrauch
Und jetzt die Gegenseite – denn die ist nicht klein. Erstens: Datenschutz und Datensicherheit. Wenn Plattformen Ausweisdaten oder verifizierende Informationen sammeln, entsteht ein neues Risiko. Datenlecks passieren. Und Identitätsdaten sind ein Goldschatz für Kriminelle. Wer Klarnamenpflicht fordert, muss auch beantworten, wie diese Daten geschützt, minimiert und rechtssicher verarbeitet werden.
Zweitens: Schutz für Minderheiten und Betroffene. Nicht jeder kann oder will mit Klarnamen auftreten. Die alleinerziehende Mutter, die über häusliche Gewalt spricht. Der Lehrer, der Bildungspolitik kritisiert. Der Polizist, der Missstände meldet. Die queere Jugendliche in einem feindlichen Umfeld. Eine harte „Name-unter-jeden-Post“-Pflicht kann Menschen verstummen lassen – und das wäre ein demokratischer Schaden.
Drittens: Chilling Effect: Selbst normale Nutzer könnten sich weniger trauen, kontrovers zu diskutieren, wenn sie Angst haben müssen, wegen eines falschen Satzes berufliche oder soziale Konsequenzen zu tragen. Und viertens: Umgehbarkeit. Wer wirklich kriminell ist, nutzt Strohpersonen, Fake-Dokumente oder ausländische Plattformen. Eine Klarnamenpflicht trifft dann womöglich die Falschen – die Normalen – stärker als die Profis.
Der Kernfehler bisher: Ungleiches Durchgreifen – politisch verzerrt
Hier liegt der wunde Punkt, über den viele zu leise sprechen: Sanktionen werden in der Wahrnehmung (und teils in der Praxis) nicht immer gleich angewandt. Mal wird bei rechten Hetzern konsequent ermittelt, mal nicht. Mal werden linke Straftaten als „Aktivismus“ verharmlost, mal wird bei rechten Taten reflexartig die volle Härte gefordert – oder umgekehrt, je nach politischer Brille. Das Ergebnis ist Gift: Misstrauen. Und Misstrauen ist der Treibstoff für Radikalisierung.
Eine Klarnamenpflicht ohne konsequente, politisch neutrale Rechtsdurchsetzung wäre brandgefährlich. Dann wird aus einem Instrument gegen Hass ein Instrument für Machtspiele: Wer die Deutungshoheit hat, definiert „Hass“, wer der Gegner ist, wird härter verfolgt. Das darf nicht passieren.
Das Ergebnis: Ja zur Klarnamenpflicht – aber nur mit gleichen Regeln für links wie rechts
Unterm Strich spricht vieles dafür, dass die Klarnamenpflicht kommen muss – verstanden als verbindliche Identitätsprüfbarkeit, nicht zwingend als öffentlicher Klarname unter jedem Post. Denn der Status quo ist ein Freifahrtschein für die Lautesten und Rücksichtslosesten. Das Netz ist längst politischer Raum, Marktplatz, Gerichtshof und Bühne zugleich. Wer dort agiert, muss auch Verantwortung tragen.
Aber: Sie darf nur kommen, wenn die Sanktionen für links wie rechts gleich sind. Gleiche Standards, gleiche Verfahren, gleiche Konsequenzen – und zwar sichtbar. Dazu gehören klare gesetzliche Definitionen, unabhängige Kontrolle, transparente Berichtspflichten der Plattformen und eine Justiz, die digital fit ist. Sonst wird die Klarnamenpflicht zur nächsten großen Idee, die am Ende nur neue Gräben zieht.
Das Netz braucht nicht mehr Moralpredigten. Es braucht Regeln, die gelten – für alle. Und genau deshalb: Klarnamenpflicht ja. Aber gerecht, neutral und ohne politisches Zweiklassenrecht.
