Man muss nicht arm sein, um für Arme zu kämpfen

Franklin D. Roosevelt, Eleanor Roosevelt oder Clara Barton gehörten zu den Vorkämpfern für eine soziale Gerechtigkeit und kamen alle aus gutem Haus. - Foto: KI-Illustration

Reichtum verpflichtet – das ist kein moralischer Kalenderspruch, sondern eine historische Konstante. Wer glaubt, nur wer selbst im Elend lebt, könne glaubwürdig für soziale Gerechtigkeit streiten, verkennt die Realität. Viele der wirkmächtigsten Fürsprecher der Entrechteten kamen aus privilegierten Verhältnissen. Sie hatten Vermögen, Bildung, Einfluss – und nutzten genau das als Hebel für Veränderung.

Nehmen wir Franklin D. Roosevelt. Der 32. Präsident der Vereinigten Staaten entstammte einer wohlhabenden Familie aus Hyde Park, New York. Elite-Universitäten, Landsitz, gesellschaftliche Vernetzung – Roosevelt war Teil der amerikanischen Oberschicht. Und doch war es ausgerechnet er, der nach dem Börsencrash von 1929 den „New Deal“ durchsetzte. Zwischen 1933 und 1939 entstanden Sozialprogramme, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und die bis heute zentrale Social Security (1935). Seine Worte sind überliefert: „The only thing we have to fear is fear itself.“ Doch hinter der Rhetorik stand knallharte Politik für Arbeitslose, Farmer und Industriearbeiter. War Roosevelt arm? Nein. Aber er verstand, dass Stabilität nur funktioniert, wenn die Schwächsten nicht abstürzen.

Oder Friedrich Engels. Sohn eines Textilfabrikanten, Mitinhaber einer Baumwollspinnerei in Manchester – mitten im Herzen der industriellen Revolution. Engels kannte die Arbeiterquartiere nicht aus eigener Not, sondern aus Beobachtung. 1845 veröffentlichte er „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ – eine empirisch dichte Studie über Elendsviertel, Kinderarbeit und Hungerlöhne. Später finanzierte er seinen Freund Karl Marx und ermöglichte so die Arbeit am „Kapital“. Ohne das Geld des Fabrikantensohns hätte die sozialistische Theoriegeschichte womöglich anders ausgesehen. Paradox? Vielleicht. Aber historisch belegt.

Auch Eleanor Roosevelt, selbst aus privilegiertem Haus, machte sich zur Anwältin der Entrechteten. Als Vorsitzende der UN-Menschenrechtskommission spielte sie 1948 eine Schlüsselrolle bei der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Artikel 25 garantiert ein Recht auf Lebensstandard, der Gesundheit und Wohl gewährleistet – eine klare soziale Dimension. Sie war keine Fabrikarbeiterin, sondern First Lady. Doch sie nutzte ihr Amt für strukturelle Veränderungen.

Ein weiteres Beispiel ist Clara Barton. Die Gründerin des Amerikanischen Roten Kreuzes stammte aus einer gebildeten Familie und baute nach dem Bürgerkrieg ein Hilfsnetzwerk auf, das Katastrophenopfern unabhängig von Herkunft Unterstützung bot. Humanitäres Engagement war hier kein Klassenkampf, sondern moralische Verpflichtung.

Natürlich bleibt die Kritik: Wer selbst nie Armut erfahren hat, könne sie nicht „wirklich“ verstehen. Das stimmt – Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Aber politische Veränderung entsteht selten allein aus Betroffenheit. Sie entsteht aus Macht, Ressourcen und Organisation. Und genau diese Mittel liegen oft bei denen, die nicht selbst am Existenzminimum leben.

Es geht also nicht um biografische Reinheit, sondern um Haltung. Empathie ist keine Frage des Kontostands. Entscheidend ist, ob Privilegierte ihre Position verteidigen – oder riskieren. Geschichte zeigt: Immer wieder entschieden sich Einzelne für Letzteres. Sie stellten sich gegen die Interessen ihrer eigenen Klasse, setzten Reformen durch, finanzierten Bewegungen oder formulierten neue Rechte.

Der Satz „Man muss nicht arm sein, um für Arme zu kämpfen“ ist daher keine Provokation, sondern eine nüchterne Feststellung. Wer Einfluss hat, trägt Verantwortung. Und manchmal beginnt echter sozialer Fortschritt genau dort, wo Komfort endet.