NGO’s – Im Dickicht der guten Absichten

Wenn der gute Zweck zur unüberschaubaren Industrie wird

Es war einmal eine Zeit, da roch das Wort „Verein“ nach Rasenmäher, Jahreshauptversammlung und belegten Brötchen im Sportheim. Kleingärtner, Briefmarkensammler, der örtliche Fußballclub. Überschaubar. Bodenständig. Harmlos.

Diese Zeit ist vorbei.

Heute regiert ein anderes Kürzel: NGO – Non-Governmental Organization. Nichtregierungsorganisationen verstehen sich als Retter der Welt, Wächter der Demokratie, Antreiber der Klimapolitik. Und ja: Vieles davon ist eine Erfolgsgeschichte der Zivilgesellschaft.

Doch wer heute auf die deutsche Vereins- und Stiftungslandschaft blickt, sieht keinen gepflegten Garten mehr – sondern einen wuchernden Dschungel.

Wir erleben eine Inflation des Guten. Quantität droht Qualität zu ersticken. Und die Grenze zwischen unabhängiger Kontrolle und politischer Zuarbeit verschwimmt zusehends.

Die nackten Zahlen des Überflusses

Ein Blick in die Register zeigt die Dimension:
Rund 600.000 eingetragene Vereine gibt es in Deutschland. Nicht jeder davon ist politisch aktiv. Aber der professionelle NGO-Sektor wächst seit Jahren.

Rund 530 in Deutschland ansässige oder aktive NGOs werden direkt vom Bund gefördert. Allein im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit stiegen die staatlichen Mittel laut Statistischem Bundesamt von rund 1,1 Milliarden Euro (2008) auf über 1,5 Milliarden Euro (2023).

Das ist kein Ehrenamt mehr im Hinterzimmer. Das ist ein Wirtschaftsfaktor.

Wenn keiner mehr den Überblick hat

Mit der Masse wächst die Unübersichtlichkeit. Kaum ein Thema, das nicht gleich von einem Dutzend Organisationen bearbeitet wird: Klimaschutz, Seenotrettung, Demokratieförderung.

Überall Akteure, die um Spenden werben – und um politische Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig ist in Berlin und Brüssel ein professionelles Lobby-Netz entstanden. Laut Lobbyregister des Deutschen Bundestages sind dort über 6.000 Interessenvertreter registriert. Darunter zahlreiche NGOs.

Natürlich: Interessenvertretung ist legitim. Doch für Außenstehende wird es zunehmend schwer zu unterscheiden, wo idealistisches Engagement endet – und professionelle Einflussarbeit beginnt.

Staatsgeld für Regierungskritik?

Besonders heikel wird es bei staatlicher Förderung. Das Bundesprogramm Demokratie leben! stellt jährlich über 150 Millionen Euro für mehr als 600 Projekte bereit.

Ziel ist die Stärkung demokratischer Kultur. Kritiker bemängeln jedoch seit Jahren mangelnde Transparenz bei der Mittelvergabe.

Der Vorwurf lautet: Fördert der Staat gezielt Organisationen, die politisch auf seiner Linie liegen?

Beweisen lässt sich das pauschal nicht. Aber die Frage steht im Raum: Wie unabhängig bleibt Kritik, wenn sie aus demselben Haushalt finanziert wird, den sie kritisiert?

Der Drehtüreffekt

Hinzu kommt der sogenannte Drehtüreffekt. Politiker wechseln nach ihrer Amtszeit in NGO-Führungspositionen. NGO-Aktivisten wiederum finden sich später in Ministerien oder Staatssekretärsposten wieder.

Im Lobbyregister finden sich zahlreiche Fälle solcher Wechsel. Das ist legal – aber es hinterlässt bei vielen Bürgern ein ungutes Gefühl.

Wenn Personal, Netzwerke und politische Agenda eng verflochten sind, entsteht schnell der Eindruck einer geschlossenen Funktionselite.

Streit um die Gemeinnützigkeit

Besonders sichtbar wurde die Debatte beim Thema Gemeinnützigkeit.

Die Organisation Attac Deutschland verlor nach einem Urteil des Bundesfinanzhof ihren Status, weil politische Einflussnahme kein eigenständiger gemeinnütziger Zweck sei. Auch Campact geriet in die Diskussion.

Das Urteil machte klar: Politisches Engagement ist erlaubt – aber nicht automatisch steuerlich privilegiert.

Kritiker sehen dennoch ein Ungleichgewicht: Während Parteien strengen Transparenzregeln unterliegen, müssen NGOs ihre Geldgeber nicht in jedem Fall offenlegen. Der Begriff „Dark Money“ macht inzwischen auch in Deutschland die Runde.

Moral schlägt Effizienz?

Ein weiteres Problem ist die Effizienz. Mit steigender Zahl der Organisationen wächst auch der Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Marketing, Kampagnen, Social Media – all das kostet Geld.

Verwaltungskosten sind nicht per se verwerflich. Doch je größer die Apparate werden, desto lauter wird die Frage: Wie viel kommt tatsächlich beim eigentlichen Zweck an?

Wer solche Fragen stellt, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, „gegen die gute Sache“ zu sein. Doch gerade ein Sektor, der moralische Ansprüche erhebt, muss sich an Transparenz und Effizienz messen lassen.

Zeit für eine Debatte – nicht für einen Kahlschlag

NGOs sind unverzichtbar. Sie helfen in Katastrophen, schützen Umwelt und Menschenrechte, stärken Demokratie. Aber Größe allein ist kein Qualitätsmerkmal.

Was es braucht:

  • Mehr Transparenz über Finanzierung und politische Aktivitäten
  • Klare Trennung zwischen staatlicher Förderung und Lobbyarbeit
  • Qualitätsdebatte statt immer neuer Neugründungen

Zivilgesellschaft darf kein Selbstbedienungsladen werden – weder für Regierungen noch für parteipolitische Milieus.

Wenn alles zur NGO wird, verliert am Ende auch die glaubwürdigste Stimme ihre Kraft.

Der Dschungel des Guten muss nicht abgeholzt werden. Aber er braucht dringend Licht.