Die Linke lebt – aber wovon eigentlich?

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Totgesagte leben länger, heißt es. Auf Die Linke trifft dieser abgenutzte Spruch derzeit erstaunlich gut zu. Noch vor anderthalb Jahren wirkte die Partei wie ein Auslaufmodell, zerrieben zwischen internen Grabenkämpfen, dem Abgang Sahra Wagenknechts und einer Wählerschaft, die längst woanders ihr Kreuz machte. Heute füllen sich die Mitgliederlisten, und bei jungen Leuten in den Großstädten ist linke Politik plötzlich wieder ein Gesprächsthema. Eine bemerkenswerte Wende. Doch sie verdeckt eine unbequeme Frage: Worauf gründet sich dieser neue Zuspruch eigentlich?

Der Erfolg der Partei speist sich vor allem aus Empörung. Steigende Mieten, eine soziale Schere, die immer weiter aufgeht, das Gefühl, dass die etablierte Politik die Sorgen der unteren Einkommensschichten verlernt hat – all das spielt der Linken in die Hände. Sie hat einen Nerv getroffen, der bei SPD und Grünen zuletzt taub geworden war. Wer heute in einer Großstadt eine bezahlbare Wohnung sucht und scheitert, findet bei den Linken zumindest eine Sprache für seinen Frust. Das ist ein politisches Verdienst, das man der Partei nicht absprechen kann.

Aber Empörung ist kein Programm. Sie ist Treibstoff, kein Motor. Und genau hier beginnt das Problem. Denn so eindrucksvoll die Mobilisierung gegen Mietwucher und soziale Kälte gelingt, so vage bleibt oft, was die Partei stattdessen konkret aufbauen will. Forderungen nach Enteignung großer Wohnungskonzerne klingen kämpferisch, doch wie der Übergang vom Slogan zur funktionierenden Realität aussehen soll, bleibt häufig im Nebel. Eine Partei, die regieren will – und sei es nur auf Landesebene –, muss mehr liefern als moralische Klarheit. Sie muss zeigen, dass ihre Vorschläge auch dem Praxistest standhalten.

Hinzu kommt eine außenpolitische Frage, die die Linke seit Jahren wie ein Schatten verfolgt. In Zeiten, in denen ein Angriffskrieg mitten in Europa tobt, reicht es nicht, reflexhaft jede Form von Aufrüstung abzulehnen und sich hinter dem Wort Frieden zu verschanzen. Wer Pazifismus predigt, ohne eine glaubwürdige Antwort auf reale Bedrohungen zu geben, macht es sich zu leicht. Die Partei muss klären, ob sie eine ernstzunehmende sicherheitspolitische Stimme sein will oder bloß Resolutionen für das eigene Gewissen verfasst.

Und doch wäre es kurzsichtig, die Linke abzuschreiben. In einem politischen System, das nach rechts driftet und in dem die AfD ihre Erzählung vom Verfall verbreitet, braucht es eine linke Kraft, die sozialen Protest in demokratische Bahnen lenkt. Die Wut über Ungerechtigkeit verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert – sie sucht sich andere Ventile, oft gefährlichere. Insofern erfüllt die Linke eine wichtige Funktion: Sie hält einen Raum offen, der sonst von radikaleren Kräften besetzt würde.

Die Partei steht damit an einer Wegscheide. Sie kann den neuen Zulauf nutzen, um sich zu erneuern, eigene Antworten zu schärfen und vom Protestakteur zur Gestaltungskraft zu reifen. Oder sie verharrt in der bequemen Rolle der ewigen Anklägerin. Die kommenden Monate werden zeigen, welchen Weg sie wählt. Eines aber steht fest: Wer dauerhaft relevant bleiben will, muss irgendwann liefern. Empörung allein trägt keine Regierung – und am Ende auch keine Partei.