Der freundlichste Angriff auf die Republik

Mit einem Lächeln unterschreibt Ulrich Siegmund sein Spiegelcover wie eine Autogrammkarte ( Mit KI überarbeitet)

Manchmal genügt ein einziges Titelblatt, um zu zeigen, wie ratlos ein Teil der deutschen Medienlandschaft geworden ist. Der „Spiegel“ hat den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ erklärt – auf schwarzem Grund, das Porträt hart ausgeleuchtet, kein Lächeln, kein Kontext. Wer dieses Cover betrachtet, denkt nicht an ein Nachrichtenmagazin, sondern an ein Fahndungsfoto. Und genau das ist das Problem.

Denn die eigentliche Pointe dieser Geschichte hat mit ihrem Inhalt kaum noch etwas zu tun. Sie hat zwei Gewinner, und beide dürften sich an diesem Wochenende die Hände reiben. Der erste ist das Magazin selbst: Die gedruckte Ausgabe war vielerorts vergriffen, ein Zustand, den man in Hamburg lange nicht mehr kannte. Der zweite ist der Mann auf dem Titel. Für Siegmund ist dieses Heft ein kostenloses Wahlkampfgeschenk, wie es sich seine Strategen mit dem prallsten Etat nicht hätten kaufen können. Es heißt, er signiere die Cover mittlerweile wie Autogrammkarten. Wer je einen Politiker in Feierlaune sehen wollte, muss ihn dort suchen.

Man stelle sich kurz vor, die Verhältnisse wären umgekehrt. Eine Partei plakatiert einen demokratisch gewählten Abgeordneten, dazu die Zeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Vermutlich läge der Vorgang binnen Stunden auf dem Schreibtisch des Verfassungsschutzes. Bei einem gewählten Landtagsmitglied, dessen Partei in den Umfragen um die 40 Prozent liegt, wirkt eine solche Bildsprache nicht wie Aufklärung, sondern wie eine symbolische Grenzüberschreitung. Was soll die Botschaft sein? Dass hier jemand „unschädlich“ gemacht werden müsse? Wer den Superlativ so bemüht, sollte die Frage beantworten, welche Konsequenz daraus folgen soll.

Noch aufschlussreicher als das Titelbild ist der Text dahinter. Man liest ihn mit wachsender Verblüffung, weil sich die versprochene Enthüllung schlicht nicht einstellt. Der schwerste Vorwurf, mit dem die Reportage aufmacht, ist ein Scherz: Siegmund habe an einem heißen Tag bei einer Mopedtour den Klimawandel verspottet. Ironie, die man mögen kann oder nicht. Dann aber wird es kunstvoll. Später sei jemand am Straßenrand zusammengebrochen, wahrscheinlich wegen der Hitze, also womöglich wegen des Klimawandels, über den Siegmund gerade gelästert hatte. Diese Kette aus Vermutungen soll offenbar suggerieren, der Kandidat trage Mitverantwortung an einem fremden Schwächeanfall. Man muss kein Fan der AfD sein, um bei dieser Konstruktion die Stirn zu runzeln.

Auch die übrigen Belege sind von dieser Machart. Ein anonymer Gewährsmann glaubt zu wissen, Siegmund würde die erste Strophe des Deutschlandlieds singen, wenn er dafür Kanzler werden könnte – ein rein hypothetischer Satz über ein rein hypothetisches Szenario. Ein anderer berichtet, in der Corona-Zeit habe sich beim Kandidaten „etwas verändert“, er habe „abstruses Zeug“ geredet. Nur: Welches? Kein einziges Zitat, kein Beispiel, nichts, woran man das prüfen könnte. Gerade der „Spiegel“, der die Pandemiepolitik seinerzeit mit Verve verteidigte und dabei selbst nicht frei von steilen Thesen war, hätte hier die Pflicht zur Konkretion.

Wo Substanz fehlt, hilft die Andeutung. Ein Treffen der völkischen Szene habe „rund 50 Kilometer“ von Siegmunds Wohnort stattgefunden, auf dem Gelände eines AfD-Kandidaten. Fünfzig Kilometer sind in der Altmark keine Nachbarschaft, sondern eine Autostunde. Diese Art von suggestiver Geografie kennt man bereits aus anderen großen Aufmachern der vergangenen Jahre, bei denen räumliche Nähe die fehlende inhaltliche Verbindung ersetzen sollte. Sie ist rhetorisch effektvoll und journalistisch schwach.

Besonders entlarvend wird es, wenn selbst Siegmunds Stärken zum Verdachtsmoment umgedeutet werden. Er habe ein gutes Namensgedächtnis, er gebe Menschen das Gefühl, gesehen zu werden. In jeder normalen Politikerporträt wäre das ein Kompliment. Hier klingt es wie eine Warnung. Dass ein Kandidat Bürger ernst nimmt und ihnen zuhört, gilt der Redaktion offenbar als gefährliche Begabung. Genau in dieser Verdrehung liegt das Kernproblem: Ein Milieu, das den eigenen Deutungsverlust nicht fassen kann, erklärt Zuwendung zur Bedrohung.

Das alles ist bitter, weil die Aufgabe echt und dringend ist. Es gibt handfeste Fragen an die AfD, an ihr Personal, an tatsächliche Extremisten in und um die Partei. Wer sie gründlich und ohne Vorurteil recherchiert, leistet einen Dienst. Doch dazu müsste man raus, zuhören, nachfragen, belegen. Was hier stattdessen geliefert wird, ist eine Anklageschrift ohne Beweise, eine Collage aus Raunen und Hörensagen. Sie überzeugt niemanden, der zweifelt, und sie bestätigt jeden, der ohnehin glaubt, die etablierten Medien seien eine geschlossene Blase.

Damit erreicht der „Spiegel“ das genaue Gegenteil dessen, was er will. Er verleiht einem Kandidaten mit hohen Sympathiewerten zusätzlich das Gewand des Verfolgten. Er liefert Gesprächsstoff für gemütliche Vorleserunden im Umfeld der Partei. Und er dürfte manchen Unentschlossenen erst recht in Richtung des Mannes schieben, den er so dringend stoppen wollte. Der Journalismus dieser Titelgeschichte ist keine Aufklärung, sondern eine Kapitulation vor einer Wirklichkeit, die man lieber nicht verstehen möchte.

 

Text: Svenski (mit KI-Unterstützung)