Berlin – Es ist eine paradoxe Situation, wie sie die deutsche Politik selten erlebt hat. In den Hinterzimmern der Union macht sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 ein Gedanke breit, den offen auszusprechen niemand wagt: Die vielleicht schmerzloseste Variante für die CDU wäre ausgerechnet ein triumphaler Sieg der AfD. Nicht irgendein Sieg – sondern die absolute Mehrheit. Klingt absurd? Ist es auch. Und doch steckt eine bittere Logik dahinter.
Schauen wir auf die Zahlen. In sämtlichen Erhebungen zieht die AfD der CDU davon, teils mit zweistelligem Abstand. Für Sven Schulze, den Spitzenkandidaten der Christdemokraten, verheißt das nichts Gutes. Denn selbst wenn seine Partei auf Platz zwei landet, wird man in Berlin von ihm erwarten, dass er das Übliche tut: eine Regierung zusammenschustern, die alles außer der AfD ist. SPD, Grüne, Linke – wer auch immer nötig ist, um eine Mehrheit gegen Rechtsaußen zu zimmern. Auf dem Papier eine bewährte Übung. In der Realität ein Sprengsatz.
Die Bruchlinie verläuft mitten durch die eigenen Reihen
Das eigentliche Problem der CDU sitzt nicht im gegnerischen Lager, sondern in den eigenen Fraktionsbänken. In Sachsen-Anhalt gibt es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Abgeordneten, die mit der AfD deutlich mehr gemeinsame Schnittmengen sehen als mit der Linkspartei. Für diese Leute ist eine Koalition mit den einstigen SED-Nachfolgern kein bloßes taktisches Bauchgrummeln, sondern eine rote Linie, die sie um keinen Preis überschreiten wollen. Lieber, so hört man, ein Bündnis oder zumindest eine Duldung Richtung AfD als ein Regierungspakt mit den Linken.
Und genau hier lauert das Szenario, das den Parteistrategen den Schlaf raubt. Verpasst die AfD die absolute Mehrheit knapp, könnte sie versuchen, sich mit den Stimmen einzelner CDU-Abgeordneter einen Ministerpräsidenten wählen zu lassen. Es bräuchte keine große Anzahl von Abweichlern – eine Handvoll würde genügen, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Die geheime Wahl macht es möglich: Niemand müsste sein Kreuz öffentlich rechtfertigen. Ein solcher Moment wäre nicht nur eine Sensation, er wäre ein politisches Erdbeben mit bundesweiten Nachbeben.
Die Brandmauer – schöner Begriff, brüchiges Fundament
Die viel beschworene Brandmauer, jenes Versprechen der Union, mit der AfD niemals gemeinsame Sache zu machen, wäre in diesem Fall nicht nur beschädigt. Sie läge in Trümmern. Und alle Beteuerungen aus der Berliner Parteizentrale, es handele sich um ein rein regionales Phänomen, um Einzelfälle ohne bundespolitische Bedeutung, würden verpuffen. Wer die Union kennt, weiß: Ein solcher Dammbruch in einem Landtag würde nicht folgenlos bleiben. In Thüringen, Sachsen, Brandenburg – überall dort, wo die AfD stark ist – würden sich Abgeordnete fragen, warum ausgerechnet sie sich an eine Regel halten sollten, die anderswo längst gefallen ist.
Damit wäre die CDU nicht mehr eine Partei mit einem Ostproblem, sondern eine Partei mit einer offenen Wunde. Der Riss zwischen dem pragmatisch-konservativen Westflügel und einem Teil der Ost-CDU, der die Abgrenzung nach rechts für einen strategischen Fehler hält, würde sich zu einer echten Spaltung auswachsen. Friedrich Merz und die Führungsriege könnten dann nur noch Schadensbegrenzung betreiben – ein aussichtsloses Unterfangen, wenn die Grundüberzeugung der Partei zur Disposition steht.
Der zynische Wunsch nach dem klaren Ergebnis
Und so entsteht diese groteske Konstellation: Für die Strategen der Union wäre eine absolute Mehrheit der AfD in gewisser Weise das kleinere Übel. Denn dann gäbe es schlicht keine Verlockung, keine Grauzone, keine Versuchung für abtrünnige Abgeordnete. Die AfD regierte allein, die CDU säße geschlossen in der Opposition, und die Brandmauer bliebe – zumindest formal – intakt. Man könnte sich sauber abgrenzen, Widerstand organisieren, auf bessere Zeiten hoffen. Das Bild wäre klar. Kein Verrat, keine internen Dolchstöße, keine öffentliche Selbstzerfleischung.
Dass eine demokratische Volkspartei überhaupt in die Lage kommt, insgeheim auf die absolute Mehrheit ihres schärfsten Gegners zu hoffen, ist ein Armutszeugnis. Es zeigt, wie tief die Union in die selbst gestellte Falle getappt ist. Die Brandmauer war immer ein Versprechen mit doppeltem Boden: Solange die AfD schwach blieb, war sie leicht zu halten. Je stärker die Rechten wurden, desto mehr entwickelte sich die eigene Prinzipientreue zum politischen Selbstmord.
Zwischen Pest und Cholera
Die CDU in Sachsen-Anhalt steht vor einer Wahl, bei der es kein wirklich gutes Ergebnis mehr gibt. Gewinnt sie nicht selbst überzeugend – was die Umfragen ausschließen –, bleibt ihr nur die Wahl zwischen einer ungeliebten Linkskoalition, die den rechten Parteiflügel zur Rebellion treibt, und dem Verlust jeder Glaubwürdigkeit durch die Hintertür. Der einzige Ausweg, der sie aus dieser Zwickmühle befreien würde, wäre paradoxerweise der klare Sieg des Gegners.
Was für ein Zeichen für den Zustand einer Partei, die einst den Anspruch hatte, das bürgerliche Zentrum zu verkörpern. Am 6. September 2026 wird sich zeigen, ob die Christdemokraten dieser Zerreißprobe gewachsen sind – oder ob sie an ihr zerbrechen.
Text: Svenski mit KI-Unterstützung
