Ein Lied bringt Deutschland ins Grübeln. „Keine Angst“ heißt der Track von Rapper Danger Dan und Pianist Igor Levit – und er verhandelt eine gefährliche These: Der Staat schaffe es nicht, Neonazis in die Schranken zu weisen, also müsse man selbst zur Tat schreiten. Genau da beginnt das Problem.
Der Song entwirft nichts weniger als ein Szenario, das an Bürgerkrieg erinnert. Rechte Akteure sollen enttarnt, ihre Daten gesammelt und öffentlich gemacht werden, sie sollen bei Chefs und Nachbarn angeschwärzt werden. Für dieses Vorgehen gibt es einen Fachbegriff: Doxing. Es ist strafbar – und ironischerweise ein Werkzeug, das gerade Rechtsextreme selbst gerne einsetzen. Zum Schluss richtet das Stück noch Grüße an Lina E. aus, jene rechtskräftig Verurteilte aus dem Umfeld der sogenannten Hammer-Bande, die Menschen krankenhausreif prügelte, weil sie diese für Faschisten hielt.
Populär wurde der Titel vor allem durch einen Rauswurf: Das ZDF strich Danger Dan und Levit aus einer geplanten Ausgabe der „Anstalt“. Der Song liefere eine Anleitung zur Gewalt, hieß es zur Begründung. Prompt schrien manche „Zensur“. Doch das trifft nicht zu. Ein Sender entscheidet selbst, was er sendet – so wie jede Redaktion. Verboten ist das Lied nirgends, es läuft ungehindert überall. Kunstfreiheit deckt vieles ab. Nur muss ein öffentlich-rechtlicher Sender diese Botschaft nicht auch noch verstärken.
Wirklich beunruhigend ist etwas anderes: wie viele Menschen sich bis weit in die Mitte hinein mit der Grundidee des Songs identifizieren. Über die ZDF-Entscheidung wurde endlos gestritten, über den Inhalt viel zu wenig. Dabei offenbart die breite Sympathie ein erstaunlich lockeres Verhältnis zur Gewalt.
Es stimmt ja: In vielen Gegenden fühlen sich Menschen bedroht. Rechtsradikale bauen im ländlichen Raum Strukturen auf, setzen Andersdenkende und anders Aussehende unter Druck. Und der Anruf bei der Polizei bringt nicht immer Abhilfe. Auch die Statistik ist eindeutig – rechte Gewalt übertrifft die linke deutlich. All das ist real.
Aber die Konsequenz kann niemals lauten: Nehmen wir das Recht selbst in die Hand. Wer Demokratie und Rechtsstaat schützen will, kippt nicht deren tragende Prinzipien über Bord. Und die entscheidende Frage bleibt: Wer legt fest, wer ein „Rechter“ ist, den man ausspähen oder verprügeln darf, und wer bloß konservativ und noch geduldet? Jeder für sich? Ein Rapper? Genau um solche Willkür zu verhindern, existiert der Rechtsstaat.
Hinzu kommt eine bittere Ironie. Die Erzählung vom „völlig kaputten“ Staat ist das Herzstück rechtsextremer Propaganda. Darauf baut ihr ganzer Erfolg. Wer nun behauptet, hier herrsche Notstand und deshalb sei Notwehr geboten, spielt exakt dieses Narrativ. Ja, dieser Rechtsstaat ist angeschlagen, fehleranfällig, verletzlich für Unterwanderung. Aber er ist nicht dysfunktional. Wir leben nicht in einem Unrechtsregime, wir sind keiner staatlichen Willkür ausgeliefert. Das hier ist nicht Russland.
Wer sich über Recht und Gesetz stellt, verliert das moralische Fundament, dieses Recht von der Gegenseite lautstark einzufordern. Ist der Staat nicht gut genug, dann müssen wir ihn besser machen – nicht beschießen.
Und doch hat die ganze Aufregung ihr Gutes. Sie zwingt uns, offen über unser Verhältnis zur Gewalt zu reden. Zugleich sollte die Politik den Lärm als Warnsignal begreifen: Wenn so viele nach Selbstermächtigung rufen, ist offenkundig etwas gründlich schiefgelaufen.
Text: Svenski durch Ki unterstützt
