Die CSU klammert sich an ein Bayern, das es so nicht mehr gibt

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Es gibt diesen Reflex, der sich durch die Geschichte der CSU zieht wie ein roter Faden: Wenn es eng wird, besinnt man sich auf die Heimat. Auf Lederhose und Laptop, auf Brauchtum und Brezn, auf die Erzählung vom besonderen Bayern, das in Berlin missverstanden und in Brüssel gegängelt wird. Lange hat das funktioniert. Heute wirkt es zunehmend wie ein Theaterstück, dessen Publikum langsam den Saal verlässt.

Die Partei steht vor einem Problem, das sie sich selbst kaum eingestehen mag. Der Freistaat, den die CSU zu verteidigen vorgibt, hat sich verändert. München ist eine internationale Metropole, in der Menschen aus aller Welt arbeiten, forschen und leben. Die Universitätsstädte ziehen junge Leute an, die mit dem konservativen Selbstbild der Partei wenig anfangen können. Und selbst auf dem Land, dem klassischen Stammgebiet, bröckelt die Bindung. Die Freien Wähler haben sich dort festgesetzt, die AfD greift nach Frustrierten, und die Grünen sind in den Städten längst nicht mehr der Schreckgespenst-Faktor, als der sie gern dargestellt werden.

Man muss der CSU zugutehalten, dass sie regieren kann. Verwaltung beherrscht sie, Macht zu sichern auch. Doch genau hier liegt die Gefahr: Eine Partei, die seit Jahrzehnten gewohnt ist, den Ton anzugeben, verlernt das Zuhören. Markus Söder hat das in der Vergangenheit eindrucksvoll vorgeführt. Mal umarmte er Bäume und versprach Bienen-Rettung, mal gab er den harten Grenzschützer. Wendigkeit kann politisches Geschick sein. Wird sie zur Dauerübung, entsteht der Eindruck, hier handle jemand ohne Kompass, dafür mit feinem Gespür für Umfragen.

Und das spüren die Wähler. Vertrauen entsteht nicht durch das nächste markige Statement, sondern durch Verlässlichkeit. Wer heute dies und morgen das Gegenteil verkündet, mag kurzfristig Schlagzeilen ernten. Langfristig zahlt er mit Glaubwürdigkeit. Die CSU lebt noch von einem Nimbus, der aus den Strauß-Jahren stammt, aus einer Zeit, in der ein einziger Mann das Land prägen konnte. Diese Epoche ist vorbei, und es hilft nicht, ihr nachzutrauern.

Besonders heikel ist das Verhältnis zur AfD. Die CSU versucht, deren Wähler mit härteren Tönen zurückzuholen, vor allem in der Migrationsfrage. Doch wer die Sprache der Rechten kopiert, macht ihre Themen nur größer und ihre Vertreter glaubwürdiger. Das Original setzt sich am Ende durch. Statt mit eigenen Antworten zu überzeugen, läuft die Partei einer Stimmung hinterher, die sie selbst mit befeuert.

Was fehlt, ist ein klares Angebot für die Zukunft. Wie soll Bayern in zwanzig Jahren aussehen? Wie geht ein Industrieland mit dem Wandel von Auto und Energie um, ohne Hunderttausende Jobs zu riskieren? Wie hält man die ländlichen Räume lebendig, wenn die Jungen in die Städte ziehen? Auf diese Fragen hört man von der CSU vor allem Beschwörungen der eigenen Stärke.

Die Partei ist nicht am Ende. Aber sie steht an einem Punkt, an dem Nostalgie nicht mehr ausreicht. Wer ein modernes Bayern regieren will, muss es zuerst verstehen wollen. Sonst verteidigt die CSU irgendwann nur noch eine Heimat, die in den Köpfen existiert – nicht mehr in der Wirklichkeit.