HSV: Klassenerhalt Dank oder trotz Merlin Polzin?

Foto: T. Kohl / KI-überarbeitet

Ein Kommentar von Svenski

Hamburg atmet auf. Der HSV ist wieder da, und noch wichtiger: Er bleibt da. Nach der lang ersehnten Rückkehr in die Bundesliga hat der einstige Dino die Klasse gehalten. Kein Absturz, kein Chaos, kein neues Volkspark-Drama. Platz 13, 38 Punkte, Klassenerhalt geschafft. Für viele Fans ist Trainer Merlin Polzin deshalb der Mann der Stunde. Der Retter. Der Zauberer. Der neue Hoffnungsträger.

Aber genau hier beginnt die unbequeme Wahrheit.

Denn so schön dieser Klassenerhalt auch ist: Er darf nicht alles übertünchen. Der HSV hat sein Minimalziel erreicht. Mehr nicht. Wer daraus eine Heldensage macht, sollte genauer hinschauen. War das wirklich Polzins Meisterstück? Oder profitierte der Trainer vor allem von einem Kader, den Claus Costa im richtigen Moment entscheidend nachjustierte?

Die größte offene Frage lautet: Welche Spieler hat Polzin wirklich besser gemacht?

Natürlich: Der HSV blieb drin. Das zählt. Aber Entwicklung? Mut? Überraschende Leistungssprünge? Da wird es dünn. Viel zu oft wirkte Polzin nicht wie ein Trainer, der neue Reize setzt, sondern wie einer, der sich an einmal gefundene Lösungen klammert. Besonders im Angriff blieb vieles rätselhaft.

Ransford Königsdörffer bekam lange enorm viel Vertrauen. Er arbeitete, lief, kämpfte. Aber vor dem Tor fehlten zu oft Klarheit, Durchschlagskraft und Killerinstinkt. Trotzdem hielt Polzin lange an ihm fest. Robert Glatzel dagegen, der Mann mit Torjäger-DNA, blieb nach seiner Rückkehr zu oft nur die große Sehnsucht auf der Bank oder ein Faktor für später. Ja, Glatzel war nicht durchgehend fit. Ja, seine Saison war von Rückschlägen geprägt. Aber die Frage bleibt: Hätte Polzin früher, mutiger und konsequenter auf ihn setzen müssen?

Nicht für Europa. Diese Rechnung wäre unseriös. Der HSV war nach Punkten weit weg vom internationalen Geschäft. Aber ein paar Zähler mehr, ein ruhigerer Saisonendspurt, vielleicht ein Platz im gesicherten Mittelfeld – das war drin. Genau das ist der Punkt. Polzin hat die Pflicht erfüllt, aber die Kür verpasst.

Zur traurigsten Figur dieser Saison wurde Otto Stange. Das HSV-Talent, der Junge aus dem eigenen Stall, der Spieler, bei dem viele Fans dieses besondere Kribbeln spüren: Da könnte einer wachsen, der wirklich nach Volkspark riecht. Doch Stange blieb meist Randfigur. Ja, er bekam Einsätze. Aber bekam er eine echte Bühne? Bekam er Vertrauen, wenn es weh tat? Bekam er die Chance, Fehler zu machen und trotzdem weiterzuspielen? Eher nicht. Aus dem Hoffnungsträger wurde ein Symbol für verpassten Mut. Einer, der brannte, aber zu selten angezündet wurde.

Und dann ist da Claus Costa.

Der Sportdirektor steht weniger im Rampenlicht, aber sein Anteil am Klassenerhalt ist gewaltig. Schon im Sommer brachte er Qualität in den Kader: Luka Vuskovic, Fabio Vieira, Albert Sambi Lokonga – Namen, die dem HSV Stabilität, Technik und internationale Erfahrung gaben. Im Winter legte Costa nach. Damion Downs, Sander Tangvik, Albert Grønbæk und Philip Otele waren keine Nebengeräusche, sondern klare Signale: Dieser Verein wollte nicht zittern, sondern handeln.

Genau deshalb muss man Polzins Rolle nüchtern bewerten. Er hat den HSV nicht versenkt. Er hat ihn auch nicht über sich hinauswachsen lassen. Er hat das geschafft, was geschafft werden musste. Das ist respektabel. Aber es ist noch kein Denkmal.

Merlin Polzin ist kein Märchenonkel und kein Wunderheiler. Er ist ein Trainer, der den Klassenerhalt geschafft hat – mit Hilfe eines stark verbesserten Kaders, eines mutigen Sportdirektors und einer Mannschaft, die sich durchgebissen hat.

Der HSV darf feiern. Aber er sollte nicht blind werden.

Denn die Wahrheit ist: Der Klassenerhalt war ein Erfolg. Ein Zaubertrick war er nicht.