In der 100. Ausgabe der „Anstalt“ stand ein schwarzer Flügel im Scheinwerferlicht, davor ein einsames Mikrofon. Beides blieb unbesetzt. Danger Dan und Igor Levit sollten dort ihren Song „Keine Angst“ spielen; kurz vor der Aufzeichnung untersagte die ZDF-Geschäftsleitung den Auftritt, obwohl die Künstler bereits angereist waren. Die Begründung: Das Lied könne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden; in die Bewertung sei auch das Justitiariat eingebunden gewesen. Konkret störte sich der Sender an der Schlussstrophe, in der vier Vornamen gegrüßt werden, die nach Lesart des ZDF mit denen bekannter, teils verurteilter Linksextremisten übereinstimmen.
Was folgte, war ein Lehrstück. Das Team der Sendung las den Songtext kurzerhand selbst vor, Claus von Wagner nannte die Entscheidung „mutlos“, das ZDF schob eine Sonderausgabe von „aspekte“ nach – und die Jubiläumsfolge fuhr die beste Quote des Jahres ein. Ein Verbot, das seinen Gegenstand bekannter macht als jeder Auftritt, ist kein Machtbeweis. Es ist ein Betriebsunfall.
Das Muster ist nicht neu. Im Februar 2025 musste Max Uthoff für sechs Wochen seine eigene Sendung meiden, weil er gemeinsam mit seiner Frau öffentlich gemacht hatte, bei der Bundestagswahl die Linke zu wählen. Das ZDF berief sich auf eine hausinterne Vorschrift, nach der prägende Gesichter sich vor Wahlen zurückzuhalten haben, sobald sie parteipolitisch Farbe bekennen. Uthoff gab an, von der Regel nichts gewusst zu haben. Ein Berufsverbot war das nicht – aber wieder eine Kalenderlösung für ein inhaltliches Problem.
Denn die eigentliche Frage beantwortet keine Dienstanweisung: Darf ein erklärter Linker ein hochpolitisches Kabarett auf Gebührenkosten so deutlich prägen? Die einzig vernünftige Antwort lautet ja. Wer das bezweifelt, verlangt im Kern eine Gesinnungskontrolle, und die passt weder zur Kunstfreiheit noch zu einem Sender, der sich aufs Grundgesetz beruft. Vor allem missversteht der Einwand das Handwerk. Kabarett ohne Standpunkt ist keines. Ein neutraler Satiriker produziert Witze, keine Streitkunst. Auch Uthoffs Vorgänger Georg Schramm und Urban Priol saßen nicht in der Mitte, und Dieter Nuhr ist nicht der ausgleichende Ruhepol, sondern lediglich der andere Rand.
Trotzdem trägt diese Verteidigung nur bis zur Hälfte. Der Medienstaatsvertrag fordert Meinungsvielfalt nicht in jeder Ausgabe, sondern über das Gesamtprogramm hinweg. Und genau da klemmt es. Wo ist die Sendung, die mit gleichem Etat, gleicher Sendezeit und gleichem Können konservativ oder marktliberal austeilt? Sie fehlt schlicht. Dass das Genre traditionell links tickt, entbindet einen Sender, den alle finanzieren, nicht von seiner Pflicht. Der wunde Punkt heißt nicht Uthoff. Er heißt: das leere Studio daneben.
Schwerer wiegt ein anderer Vorwurf. „Die Anstalt“ liefert zu jeder Folge einen bequellten Faktencheck, arbeitet mit Grafiken, Zitaten und Nachweisen. Das ist anerkennenswert – hat der Sendung aber eine trickreiche Zwitterstellung eingebracht. Sie borgt sich das Ansehen des seriösen Journalismus und behält zugleich die Narrenfreiheit der Bühne. Fällt Kritik, war alles nur Satire. Erntet sie Applaus, war es Volksbildung. So erklärt sich, warum manche Zuschauer sich nicht amüsiert, sondern belehrt fühlen. Wer karikiert, überzeichnet einen Kontrahenten. Wer Fakten prüft, überführt einen Irrenden. Beides in einem Atemzug zu tun, macht Widerspruch fast aussichtslos.
Und dann die AfD. Dass eine Satiresendung eine Partei hart nimmt, deren Landesverbände unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, beweist noch keine Parteilichkeit – es ist die Pflicht des Genres. Heikel wird es erst dort, wo die Grenze zwischen AfD und bürgerlicher Rechter verschwimmt, wo Schuldenbremse, Steuersenkungen oder ein strengerer Migrationskurs nicht als vertretbare Gegenmeinung, sondern als sittliches Versagen ausgestellt werden. Zuspitzen darf Satire. Den Unterschied zwischen Gegner und Feind sollte sie dennoch nie vergessen.
Nun aber die Wendung, die diese Woche erzwingt: Ausgerechnet der Sender, dem man Schlagseite nach links vorwirft, hat einen linken Auftritt gestoppt. Wer daraus einen Freispruch bastelt, macht es sich zu leicht – und wer daraus einen Beweis für Zensur bastelt, ebenfalls. Der Einwand des ZDF ist nicht absurd. Ein Lied, das am Ende Vornamen grüßt, ist etwas anderes als eine Pointe; wer Namen adressiert, verlässt die Fläche der Übertreibung und betritt die des Zeigens. Darüber lässt sich streiten, ernsthaft und mit Argumenten.
Nur hat das ZDF genau das nicht getan. Es hat nicht gestritten, sondern verfügt – spät, an der Redaktion vorbei, ohne schriftliche Begründung, per Geschäftsleitung. Dasselbe Prinzip wie die Sechs-Wochen-Klausel: kurz verschwinden lassen, unverändert weitermachen. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der einen strittigen Text für gefährlich hält, hat ein Mittel, das ihm ganz allein gehört: senden und einordnen. Widerrede, Gegenrede, Jurist gegen Künstler, live. Stattdessen kam die Einordnung als Sonderausgabe hinterher, nachdem die Entscheidung schon gefallen war. Das ist keine Programmverantwortung, das ist Schadensverwaltung.
Und damit schließt sich der Kreis. Das leere Klavier ist die exakte Illustration des Vorwurfs, den man dem ZDF schon vorher machen konnte. Der Sender löst politische Konflikte administrativ statt programmlich. Er zähmt einzelne Köpfe, statt ihnen ebenbürtige Gegenstimmen gegenüberzustellen. Beim eigenen Personal genauso wie beim Gast.
Die Lösung lautet deshalb nicht: weniger Uthoff, und auch nicht: mehr Intendanz. Sie lautet: mehr Widerrede. Vielfalt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk entsteht nicht durch Ausladen, Aussetzen und Nachreichen, sondern durch Positionen, die sich vor Publikum aneinander abarbeiten. Solange das ZDF lieber Termine verschiebt und Auftritte streicht, als Streit zu programmieren, wird der Verdacht der Schlagseite bleiben. Und ganz unbegründet ist er nicht.
Text: Svenski mit KI-Überarbeitung
