Reformieren reicht nicht mehr – warum die Abschaffung des ZDF kein Tabu sein darf
Ein öffentlich-rechtlicher Sender lebt von einem einzigen Kapital: Vertrauen. Das ZDF, jährlich mit Milliarden aus dem Rundfunkbeitrag finanziert, verspielt genau dieses Kapital – und zwar nicht durch einzelne Ausrutscher, sondern durch ein Muster. Fehler passieren, Korrekturen kommen erst unter öffentlichem Druck, Konsequenzen gibt es so gut wie nie. Wer Zwangsgebühren kassiert, müsste sich an einem höheren Standard messen lassen als jedes Privatmedium. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Liste ist lang geworden. Im September 2025 behauptete ein ZDF-Korrespondent bei Markus Lanz, der erschossene US-Aktivist Charlie Kirk habe zur Steinigung Homosexueller aufgerufen – das Gegenteil war wahr, die Richtigstellung kam zäh und spät. Im Februar 2026 schnitt das „heute journal“ in einen Beitrag über die US-Behörde ICE ein KI-generiertes Sora-Video sowie eine Aufnahme aus dem Jahr 2022 in völlig falschem Kontext – ohne Kennzeichnung. Erst nach Empörung wurde der Beitrag stillschweigend nachbearbeitet. Im Juni 2026 schließlich unterstellte der Sender Elon Musk, er habe mit Blick auf die Krawalle in Belfast zur „Jagd auf Migranten“ aufgerufen. Auch das war falsch. Das ZDF strich die Passage, gab eine Unterlassungserklärung ab und nannte die eigene Formulierung kleinlaut „unpräzise und dadurch missverständlich“. Musk kündigte rechtliche Schritte an.
Diese Klage ist kein Einzelfall, sondern Teil einer juristischen Großwetterlage. Im Oktober 2025 entschied das Bundesverwaltungsgericht (Az. 6 C 5.24), dass Beitragszahler grundsätzlich gegen den Rundfunkbeitrag klagen können, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Auftrag zur Ausgewogenheit über längere Zeit grob verfehlt. Im April 2026 verhandelte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg gleich sieben solcher Klagen. Sie wurden zwar abgewiesen – aber dass Bürger den Rechtsweg überhaupt beschreiten, zeigt, wie tief das Misstrauen sitzt. Bezeichnend ist auch die Gegenrichtung: ARD und ZDF zogen 2024 selbst nach Karlsruhe, um eine höhere Gebühr zu erzwingen. Erst die Öffentlichkeit anschwindeln, dann von ihr mehr Geld verlangen – das ist die Tonlage einer Institution, die ihren Kompass verloren hat.
Hier kommt der heikelste Punkt ins Spiel: Warum reagiert die Politik so milde? Weil die etablierten Parteien Teil des Problems sind. Sie sitzen über Rundfunk- und Verwaltungsräte mitten im System – schon 2014 rügte das Bundesverfassungsgericht den zu hohen staatlichen und parteipolitischen Einfluss beim ZDF. Wer Posten besetzt und Strukturen kontrolliert, profitiert von wohlwollender Begleitung. Hofberichterstattung ist kein Schimpfwort von Außenseitern, sondern die nüchterne Beschreibung eines Anreizsystems: Ein Sender, der das politische Establishment selten ernsthaft herausfordert, wird von ebendiesem Establishment geschützt. So erklärt sich, dass echte Reformen seit Jahren zerredet werden.
Man muss kein Feind des öffentlich-rechtlichen Gedankens sein, um zu sagen: Ein Apparat, der Falschmeldungen produziert, sich nur unter Druck korrigiert, niemanden zur Verantwortung zieht und von den Parteien gehätschelt wird, hat seinen Vertrauensvorschuss aufgebraucht. Wenn Reform an den eigenen Strukturen scheitert, dann gehört die radikalste Option ehrlich auf den Tisch: die Abschaffung in der heutigen Form. Nicht aus Trotz – sondern weil ein Sender, der niemandem mehr glaubwürdig dient, auch keine Zwangsgebühr mehr rechtfertigt.
Text: SVENSKI
