Es ist ein Land, das seinen moralischen Kompass scheinbar endgültig auf dem Altar der politischen Korrektheit geopfert hat. Willkommen im Deutschland der Gegenwart, einer Republik, in der die Prioritäten der öffentlichen Empörung derart verrutscht sind, dass einem als normal denkender Bürger nur noch der Atem stockt. Wir leben in einer Zeit, in der ein einziges, unglücklich gewähltes Wort das Potenzial hat, Karrieren zu beenden und tagelange mediale Hetzjagden auszulösen. Doch wenn es um echte, brutale und lebenszerstörende Gewalt geht, herrscht plötzlich eisiges Schweigen im Blätterwald.
Nehmen wir den Fall des CDU-Politikers Manuel Hagel. Was war sein großes Verbrechen? Er hat vor acht Jahren eine zweifelhafte Bemerkung über die „Rehaugen“ einer Schülerin gemacht. Zweifellos: Das war unpassend, plump und eines Politikers unwürdig. Aber was danach passierte, ist bezeichnend für den Zustand unserer Debattenkultur. Die mediale Empörungsmaschinerie lief auf Hochtouren. Leitartikel wurden geschrieben, Sondersendungen gefüllt, in den sozialen Netzwerken überschlugen sich die Moralapostel mit Rücktrittsforderungen. Ein acht Jahre alter, deplatzierter Spruch reichte aus, um den Mann zum nationalen Problemfall zu erklären. Die Republik bebte vor feministischer und politisch korrekter Wut.
Ortswechsel. Berlin-Neukölln. Keine acht Jahre her, sondern bittere, brutale Gegenwart. In einem Jugendzentrum wird ein junges Mädchen über einen längeren Zeitraum systematisch missbraucht, erpresst und von muslimischen Jugendlichen vergewaltigt. Ein unvorstellbares Martyrium, ein Verbrechen, das die Seele eines Kindes für immer zerstört.
Und die Reaktion der großen Öffentlichkeit? Die tagelangen Sondersendungen? Die flammenden Appelle der Politiker, die sich sonst so gerne als Beschützer der Schwachen inszenieren? Fehlanzeige. Die Berichterstattung bleibt merkwürdig unterkühlt, seltsam distanziert, oft beschränkt auf kurze Meldungen in den Lokalspalten. Keine Talkshow diskutiert zur besten Sendezeit über die toxische Männlichkeit in bestimmten migrantischen Milieus. Keine Lichterketten, keine bundesweiten Hashtags.
Die Influencerin Anabel Schunke hat diesen grotesken Zustand kürzlich treffend auf den Punkt gebracht. Sie hielt der Gesellschaft den Spiegel vor und stellte genau diese Frage: Wie kann es sein, dass wir in einem Land leben, in dem „Rehaugen“ für mehr Aufschrei sorgen als die systematische Gruppenvergewaltigung eines Mädchens durch junge Männer aus einem völlig anderen Kulturkreis? Schunke hat recht. Sie legt den Finger in eine Wunde, die von weiten Teilen der Politik und der etablierten Medien krampfhaft ignoriert wird.
Es ist eine geradezu schizophrene Doppelmoral, die sich hier offenbart. Jeden Tag – man muss sich diese Zahl wirklich auf der Zunge zergehen lassen – jeden verdammten Tag gibt es in Deutschland statistisch gesehen zwei Gruppenvergewaltigungen. Zwei Frauen oder Mädchen, deren Leben täglich von Männergruppen in einen Albtraum verwandelt wird. Die Täterstruktur bei diesen abscheulichen Verbrechen spricht eine deutliche Sprache, der Anteil von Tätern mit Migrationshintergrund ist überproportional hoch. Das ist keine rechte Hetze, das ist die nüchterne Realität der Kriminalstatistiken.
Doch anstatt dieses massive gesellschaftliche Problem mit der gebotenen Härte und Ehrlichkeit anzugehen, flüchtet sich die veröffentlichte Meinung lieber in Ersatzdebatten. Man stürzt sich mit Schaum vorm Mund auf Männer wie Manuel Hagel. Warum? Weil es so unendlich viel bequemer ist. Ein deutscher Provinzpolitiker ist ein dankbares, risikoloses Opfer. Wer ihn attackiert, sammelt schnelle Applaus-Punkte in der eigenen Blase und steht auf der vermeintlich richtigen Seite der Geschichte.
Sich hingegen mit den archaischen Gewaltstrukturen und dem Frauenbild in Teilen der muslimischen Community auseinanderzusetzen, erfordert Mut. Es erfordert die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, sich dem Vorwurf des Rassismus auszusetzen und sich mit einer Realität zu konfrontieren, die so gar nicht in das bunte, tolerante Bild der multikulturellen Traumgesellschaft passen will. Aus purer Angst davor, den Falschen in die Hände zu spielen, wird weggeschaut, relativiert und geschwiegen.
Aber dieses Schweigen hat einen unfassbar hohen Preis. Es ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Jedem Mädchen, das in Neukölln oder anderswo in diesem Land Opfer solcher Gewalt wird, signalisiert diese Gesellschaft: Dein Leid ist uns nicht so wichtig wie die Wahrung unserer politischen Korrektheit. Deine zerstörte Jugend taugt nicht für den großen Empörungs-Hashtag, weil die Täter nicht in unser Raster passen.
Es wird höchste Zeit für ein gewaltiges Erwachen. Wir müssen aufhören, uns über alte, dumme Sprüche mehr aufzuregen als über reale Gewalt auf unseren Straßen. Wir müssen die Täter beim Namen nennen, ihre Hintergründe schonungslos analysieren und den Opfern die Stimme geben, die ihnen diese Gesellschaft momentan verweigert. Solange eine „Rehaugen“-Debatte mehr Klicks und Kommentare generiert als das Martyrium von Neukölln, ist unser Kompass nicht nur kaputt – er ist eine verdammte Schande.
