Während die Sozialdemokraten in Berlin mit sich selbst beschäftigt sind, zeigt Hamburg, wie erfolgreiche SPD Politik aussehen kann. Bürgermeister Peter Tschentscher, seine grüne Stellvertreterin Katharina Fegebank und Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard regieren mit hanseatischer Gelassenheit, wirtschaftlichem Sachverstand und erstaunlicher Beständigkeit. Ist Hamburg das Vorbild für die Rettung der Bundes-SPD?
In Berlin brennt bei der SPD die Hütte. Personaldebatten, Richtungsstreit, schlechte Umfragen und eine Partei, die manchmal mehr Energie darauf verwendet, sich selbst zu zerlegen, als das Land voranzubringen. Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas steht sogar die Parteispitze vor einer Neuwahl.
Und dann gibt es Hamburg.
Deutschlands zweitgrößte Stadt liefert den bemerkenswerten Gegenentwurf zum Berliner sozialdemokratischen Dauerdrama. Dort wird nicht jeden Morgen eine neue ideologische Grundsatzdebatte eröffnet. Dort wird regiert.
Peter Tschentscher verkörpert dabei eine fast schon altmodische politische Tugend: Verlässlichkeit. Kein großer Lautsprecher, kein Mann für schrille Schlagzeilen. Einer, der lieber Ergebnisse produziert als Empörung.
An seiner Seite steht Katharina Fegebank. Die grüne Zweite Bürgermeisterin beweist, dass ökologische Politik und wirtschaftliche Vernunft keine natürlichen Feinde sein müssen. Und mit Melanie Leonhard sitzt eine Wirtschaftssenatorin am Kabinettstisch, die weiß, dass sozialer Wohlstand zunächst einmal erwirtschaftet werden muss.
Drei Persönlichkeiten, eine gemeinsame Erkenntnis: Politik ist kein Wettbewerb um die reinste Gesinnung. Politik muss funktionieren.
Hamburg macht vor, was Berlin verlernt hat
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Bei der Bürgerschaftswahl 2025 erreichte die SPD 33,5 Prozent. Die CDU kam trotz erheblicher Zugewinne lediglich auf 19,8 Prozent. Die AfD blieb mit 7,5 Prozent vergleichsweise schwach.
Natürlich verlor auch Hamburgs SPD Stimmen. Doch während die Sozialdemokraten bundesweit um ihre Bedeutung kämpfen, bleiben sie an der Elbe unangefochten stärkste politische Kraft.
Warum?
Weil die Hamburger SPD verstanden hat, dass man Wahlen in der politischen Mitte gewinnen muss. Mit guten Arbeitsplätzen, bezahlbarem Wohnraum, funktionierender Infrastruktur und einer Wirtschaft, die nicht ständig neue Hindernisse überwinden muss.
Hier wird Unternehmertum nicht als gesellschaftlicher Makel behandelt. Hier weiß man, dass Hafen, Industrie, Handel und Mittelstand keine lästigen Überbleibsel des Kapitalismus sind, sondern die Grundlage für Beschäftigung, Steuereinnahmen und soziale Sicherheit.
Und tatsächlich: Hamburgs Wirtschaft wuchs im ersten Halbjahr 2026 real um 1,5 Prozent. Deutschland insgesamt schaffte lediglich 0,9 Prozent.
Das ist kein Beweis für perfekte Politik. Aber ein bemerkenswerter Unterschied.
Die Politik der ruhigen Hand
Natürlich ist auch Hamburg kein Paradies. Die CumEx Vergangenheit lässt sich nicht einfach wegwischen. Beim Elbtower und anderen Großprojekten gab und gibt es erhebliche Probleme. Auch zwischen SPD und Grünen kracht es gelegentlich.
Aber der entscheidende Unterschied bleibt: Aus politischen Meinungsverschiedenheiten wird nicht regelmäßig eine Regierungskrise.
Seit Olaf Scholz Hamburg regierte, prägt die SPD eine politische Grundhaltung, die man auf Bundesebene schmerzlich vermisst: erst nachdenken, dann handeln. Erst rechnen, dann versprechen. Erst Verantwortung übernehmen, dann große Reden halten.
Das ist weder spektakulär noch revolutionär. Es ist schlicht vernünftig.
Die SPD muss wieder Volkspartei werden
Die Bundes-SPD sollte deshalb weniger darüber diskutieren, wie weit sie nach links rücken muss. Sie sollte sich fragen, weshalb eine pragmatische Sozialdemokratie in Hamburg noch immer breite Bevölkerungsschichten erreicht.
Arbeitnehmer und Unternehmer sind keine Gegner. Klimaschutz und Industrie sind keine Gegensätze. Soziale Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Erfolg gehören zusammen.
Genau das war einmal die große Stärke der SPD.
Hamburg zeigt, dass diese politische Idee keineswegs tot ist. Sie braucht nur Politiker, die sie glaubwürdig vertreten.
Vielleicht liegt die Zukunft der deutschen Sozialdemokratie deshalb nicht in der nächsten Berliner Grundsatzkommission. Sondern an der Elbe.



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