Elon Musk ist nicht der klügste Kopf seit Albert Einstein. Er ist etwas Selteneres: der folgenreichste.
Eine Woche genügt als Beweis. Dienstag vergangener Woche: Medien melden, Musk hat seit Juli 276 Millionen Dollar an die Republikaner gespendet, an jene Partei, deren Präsidenten er vor gut einem Jahr noch öffentlich in die Nähe von Jeffrey Epstein rückte. Donnerstag: Auf einem SpaceX-Gelände in Texas fährt ein Tesla Roadster kopfüber eine Rampe hinauf, springt ab, dreht sich in der Luft, landet. Dann fliegt er über ein Model 3, ein Model Y, einen Cybertruck, ein Cybercab und einen Sattelzug. Zehn Kaltgasdüsen, 600 Liter Druckluft, von null auf 60 Meilen pro Stunde in 0,81 Sekunden. Montag: Musk verspricht jedem Kind in Amerika eine SpaceX-Aktie. Rund 73 Millionen Minderjährige, Kurs um 150 Dollar, macht gut zehn Milliarden Dollar. Nicht einmal ein Prozent seines Vermögens, das seit dem SpaceX-Börsengang auf über eine Billion Dollar taxiert wird. „Die erste von vielen“, schreibt er dazu.
Drei Schlagzeilen in sieben Tagen. Jede für sich wäre bei jedem anderen Unternehmer das Ereignis des Jahres. Bei Musk ist es ein normaler Oktober.
Die Anklage, Punkt für Punkt
Man kann gegen diesen Mann viel vorbringen. Man sollte es auch tun. Nur ehrlich.
Die Drogen. Die New York Times berichtete im Mai 2025, Musk habe im Wahlkampf so viel Ketamin genommen, dass seine Blase litt, dazu Ecstasy und Pilze, eine Pillendose immer dabei. Musk: „Ich nehme KEINE Drogen“, die Zeitung lüge. Ketamin auf Rezept hat er allerdings eingeräumt, gegen „dunkle mentale Löcher“, wie er es nennt. Was stimmt, weiß außer ihm niemand. Fest steht: Im selben Jahr fing seine Firma als erste der Welt einen 70 Meter hohen Raketenbooster mit Stahlarmen aus der Luft. Man kann das Privatleben dieses Mannes für ein Risiko halten. Seine Firmen liefern trotzdem.
Die Kinder. 14 Kinder von vier Frauen, nach öffentlicher Zählung, eines heißt X Æ A-Xii. Er nennt das seinen Beitrag gegen den Bevölkerungskollaps, aus seiner Sicht die größte Gefahr für die Zivilisation. Man darf das sonderbar finden oder patriarchal. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er predigt, was er nicht tut.
Trump. 2024 gab Musk mehr als 250 Millionen Dollar für dessen Wahl, dann schwang er auf der Bühne die Kettensäge: DOGE, Massenentlassungen, die Entwicklungshilfe „in den Holzhäcksler geworfen“, seine Worte. Im Juni 2025 der Bruch. Trumps Steuergesetz nannte er eine „widerliche Abscheulichkeit“, den Präsidenten brachte er öffentlich mit Epstein in Verbindung, drohte mit einer eigenen Partei. Trump nannte ihn verrückt. Sechzehn Monate später ist Musk wieder der größte Geldgeber der Republikaner, Trump verlieh ihm die National Medal of Science und nennt ihn „80 Prozent Supergenie, 20 Prozent Fehler“. Für Trumps Verhältnisse ist das eine Liebeserklärung. Opportunist, sagen die einen. Die anderen sehen den einzigen Menschen, der dem mächtigsten Mann der Welt ins Gesicht sagt, was er denkt, und danach trotzdem weiter am Tisch sitzt. Beides stimmt. Bei Musk stimmt meistens beides.
Deutschland. Wahlwerbung für die AfD, eine Videoschalte zu deren Wahlkampfauftakt, dazu eine Geste bei Trumps Amtseinführung, die Millionen als Hitlergruß sahen. Das hat ihn hierzulande mehr Sympathien gekostet als jede Ketamin-Geschichte, die Tesla-Zulassungen brachen 2025 ein. Die Gigafactory in Grünheide steht trotzdem. Und baut.
Überall die Finger drin. Tesla. SpaceX, in das er inzwischen xAI und X hineingefaltet hat. Neuralink, The Boring Company, Starlink mit Tausenden Satelliten. Ein Mann entscheidet, ob die ukrainische Armee an der Front Internet hat. Nach dem Börsengang hält er über 80 Prozent der Stimmrechte an einem Konzern, der 1,77 Billionen Dollar wert sein soll und Milliardenverluste schreibt. So viel Macht in einer Hand hat niemand gewählt. Stimmt. Nur: Die NASA kauft ihre Astronautenflüge bei ihm, weil sie selbst keine wiederverwendbare Rakete hat. Europa hat gar keine. Die Kritik an seiner Macht ist berechtigt. Sie ist vor allem eine Kritik an allen anderen.
Die Versprechen. Den Roadster kündigte er 2017 an, Auslieferung 2020. Gezeigt hat er ihn am Donnerstag, Produktion ab 2028. Kaum ein Datum, das er nennt, hält. Musk-Zeit, sagen Anleger: Jahreszahl nehmen, verdoppeln, dann passt es ungefähr. Nur: Als er 2018 zum ersten Mal von Raketendüsen am Roadster schrieb, lachten alle. Am Donnerstag flog er. Die Termine wackeln. Die Richtung nie.
Einstein erklärte die Welt. Musk baut sie um.
Und nun der Vergleich, der auf dem Tisch liegt: der klügste Kopf seit Einstein?
Einstein schrieb 1905 am Schreibtisch des Berner Patentamts vier Aufsätze, die Raum, Zeit und Licht neu erklärten. Ohne Labor, ohne Firma, ohne einen einzigen Angestellten. Er hat nie eine Firma gegründet, nie eine Fabrik gebaut. Das GPS, das seine Relativitätstheorie jeden Tag einrechnen muss, haben andere konstruiert. Musk ist das genaue Gegenstück. Er hat nichts entdeckt. Raketen gab es, Elektroautos gab es, Satelliten gab es. Er hat sie nur gebaut, in Größenordnungen, die vorher als Unsinn galten. Bei Einstein war Intelligenz das Produkt. Bei Musk ist sie der Rohstoff.
Was ihn ausmacht, ist nicht der IQ. Es ist die Weigerung, ein Nein zu akzeptieren, gepaart mit der Fähigkeit, Tausende Ingenieure dazu zu bringen, dasselbe Nein zu ignorieren. Neun Jahre Spott über den Roadster. Jahrelanges Gelächter über landende Raketen, bis sie landeten, inzwischen hunderte Male. Genie ist bei ihm keine Eigenschaft des Denkens. Es ist eine Eigenschaft des Durchhaltens.
Und die Widersprüche? Auch Einstein war Pazifist und unterschrieb den Brief an Roosevelt, der das amerikanische Atombombenprogramm anstieß. Auch Einstein war ein schwieriger Ehemann und ein ferner Vater. Genie war noch nie ein Führungszeugnis. Wer ein makelloses Vorbild sucht, soll Heiligenbilder sammeln. Wer wissen will, wie Zukunft entsteht, muss Musk aushalten: laut, sprunghaft, unverschämt, mit dem Hang zur Übertreibung und dem Talent, sie am Ende doch einzulösen.
Also, der schlauste Kopf seit Einstein? Nein. Es gibt Dutzende Nobelpreisträger, die mehr wissen als er. Es gibt niemanden, der mehr bewegt. Das 20. Jahrhundert hatte einen Mann, der das Universum verstand. Das 21. hat einen, der hinein will. Und wir? Wir diskutieren über Tempo 130. Er fliegt über den Stau.
Einsteins Gehirn liegt bis heute in Scheiben geschnitten in Gläsern. Musks Gehirn steht in Texas, in Grünheide, kreist in Tausenden Satelliten über unseren Köpfen und liegt demnächst in 73 Millionen Kinderdepots. Der Brain ist kein Kopf. Er ist ein Hebel.



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