Wo in Deutschland oder Österreich Mitarbeiter auf Trinkgeld angewiesen sind, zahlt der Chef schlichtweg zu schlecht. Dann soll er mehr Lohn zahlen, statt die Kunden zum Trinkgeld zu zwingen.
Fünf Prozent, ob man will oder nicht
Wer in einem Café in Kärnten mit Karte zahlt, bekommt automatisch fünf Prozent Trinkgeld auf die Rechnung geknallt. Kein Fragen, kein Wählen, kein Nein. Steht so am Eingang, in mehreren Sprachen. Der Wirt sagt: Seine Leute leben vom Trinkgeld. Ach ja? Dann haben wir ein ganz anderes Problem. Dann zahlt er seine Leute nämlich zu schlecht. Und das soll jetzt der Gast ausbaden, Kaffee für Kaffee.
Der Trick mit den drei Knöpfen
Überall das gleiche Spiel. Beim Bäcker, im Selbstbedienungscafé, am Getränkestand im Flughafen leuchtet das Terminal auf: Fünf Prozent? Zehn? Fünfzehn? Die Zahlen sind groß und grün. Das Nein ist klein, rot und versteckt in der Ecke. Hinter mir die Schlange, vor mir die Verkäuferin, die genau hinschaut. Das ist kein Service. Das ist ein Psychotrick mit System.
Die Forscher nennen es Nudging, Anstupsen. Ich nenne es Nötigung per Touchscreen. Kaum jemand drückt die kleinste Zahl, weil keiner als Geizhals dastehen will. Also landen die meisten in der Mitte. Zehn Prozent für eine Brezel, die ich mir selbst vom Tresen geholt habe. Wofür eigentlich? Fürs Eintippen des Preises?
Eine Beispielrechnung des Berliner Kurier zeigt, was das kostet: Wer überall brav den mittleren Knopf drückt, zahlt rund 72 Euro mehr im Jahr. Wer sich von einer Voreinstellung auf 20 Prozent führen lässt, über 270 Euro.
Wir sind nicht Amerika
Der Trick kommt aus den USA. Dort verdienen Kellner fast nichts und leben vom Trinkgeld. Dort hat man die Gäste mit genau solchen Terminals von 15 auf 20 Prozent hochgeschubst. Und jetzt soll der Mist auch bei uns laufen. Nur: Wir haben einen gesetzlichen Mindestlohn. Trinkgeld ist hier ein Dankeschön für guten Service, keine Sozialleistung für unterbezahltes Personal.
Wer sein Personal nicht bezahlen kann, hat kein Trinkgeldproblem. Er hat ein Geschäftsmodellproblem. Was kommt als Nächstes? Trinkgeld für die Kassiererin bei Aldi? Fünf Prozent Aufschlag an der Lidl-Kasse, damit der Chef sich die Lohnerhöhung sparen kann? Die Logik ist exakt dieselbe. Und sie ist genauso absurd.
Darum: Null. Aus Prinzip.
Trinkgeld ist freiwillig. Punkt. Es ist mein Geld, meine Entscheidung, mein Dankeschön. Sobald ein Gerät mich drängt oder ein Wirt es mir einfach abzieht, ist es kein Trinkgeld mehr, sondern ein versteckter Preisaufschlag. Und der gehört auf die Speisekarte, nicht auf meine Kartenabrechnung.
Das Finanzamt sieht das genauso: Trinkgeld bleibt nur steuerfrei, solange es freiwillig fließt. Wer es erzwingt, macht daraus steuerpflichtigen Lohn und schadet damit auch noch den eigenen Leuten. Die Verbraucherzentrale Brandenburg hat den Betreiber von Starbucks-Filialen abgemahnt, weil sich das Nein am Terminal nicht klar auswählen ließ. Gut so. Aber das reicht nicht.
Deshalb mein Aufruf an alle Kunden: Wer am Terminal zum Trinkgeld geschubst wird, drückt Nein. Immer. Aus Prinzip. Nicht aus Geiz, sondern aus Notwehr. Wer am Tresen seine Semmel selbst holt, gibt nichts. Wer gezwungen wird, bleibt weg.
Und an alle Gastronomen und Ladenbesitzer, die sich das ausgedacht haben: Zahlt Eure Leute anständig. Schreibt den echten Preis auf die Karte. Und hört auf, Eure Kunden wie Spendendosen zu behandeln. Der gute alte Satz „Stimmt so“ war immer ein Geschenk. Wer ein Geschenk einfordert, hat es nicht verdient.



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