Stimmungsmache ist kein Verbrechen, sie ist das Geschäft
Es gibt in Deutschland einen Vorwurf, der klingt vernichtend und ist in Wahrheit banal: Dieses Medium mache Stimmung. Gerade trifft es NIUS, und zwar von allen Seiten gleichzeitig. Campact wirft dem Portal irreführende Schlagzeilen und verkürzte Kontexte vor. Der Journalistenverband nennt es eine Empörungsmaschine. Correctiv recherchiert über die Abozahlen. Ruprecht Polenz hält auf X den Pressekodex hoch wie eine Monstranz.
Und ich frage mich bei jedem dieser Beiträge dasselbe: Welche Zeitung macht denn bitte keine Stimmung?
Jede Redaktion hat eine Richtung, und jeder weiß es
Jeder Leser in diesem Land weiß doch genau, was er bekommt. Die taz schreibt links, und sie will es so. Die Welt schreibt wirtschaftsliberal, und sie will es so. Die FAZ schreibt bürgerlich-konservativ, der Spiegel mit Hamburger Oberlehrerton, die Süddeutsche mit sanfter Empörung über alles, was rechts von Grün steht. Der Tagesspiegel berichtet über NIUS und nennt es ein rechtes Portal. Das ist Stimmungsmache in Reinform, und es ist völlig legitim.
Selbst Correctiv, das sich Faktencheck auf die Fahne schreibt, hat eine Agenda. Ein Rechercheteam, das die Abozahlen eines Konkurrenten durchleuchtet, macht keine neutrale Buchführung. Es macht Stimmung. Man kann das gut finden oder schlecht, aber bitte nicht so tun, als seien die einen Journalisten und die anderen Agitatoren.
Der Mythos von der reinen Objektivität
Ja, es gibt Redaktionen, die sich ehrlich bemühen, neutral zu bleiben. Agenturen, Nachrichtenressorts, die Tagesschau an guten Tagen. Aber gelingen tut es so gut wie nie. Und das liegt nicht an bösem Willen, sondern am Handwerk selbst.
Denn Journalismus beginnt mit einer Entscheidung: Was kommt rein, was fliegt raus? Welcher Messerangriff ist eine Meldung, welcher eine Randnotiz? Welche Studie steht auf Seite eins, welche gar nicht? Wird der Täter benannt oder der Kontext? Jede dieser Entscheidungen ist bereits Haltung. Die Überschrift ist Haltung. Das Foto ist Haltung. Die Reihenfolge der Zitate ist Haltung. Und das Weglassen erst recht.
Wer behauptet, er mache reine Information ohne Färbung, der lügt entweder sich selbst an oder seine Leser. Ich halte die erste Variante für wahrscheinlicher, und genau deshalb ist sie so gefährlich. Der Spiegel hat jahrelang nicht gemerkt, dass einer seiner Starreporter Geschichten erfunden hat. Relotius flog nicht durch den Pressekodex auf, sondern durch einen Kollegen, dem etwas komisch vorkam.
Man muss NIUS nicht mögen
Ich muss NIUS nicht gut finden. Vieles dort ist mir zu laut, zu zugespitzt, zu sehr auf den einen Effekt gebaut. Wer Gerichtsverfahren verliert, hat Fehler gemacht, und Fehler muss man einräumen. Das gilt für Reichelt genauso wie für jede andere Redaktion in diesem Land.
Aber zwischen Fehler und Lüge liegt ein Abgrund. Ein Fehler ist schlampige Recherche, eine zu scharfe Schlagzeile, ein Kontext, der unter den Tisch fällt. Eine Lüge ist der Vorsatz. Und wer einer kompletten Redaktion Vorsatz unterstellt, der behauptet, Menschen stünden jeden Morgen auf und beschlössen gemeinsam, das Publikum zu betrügen.
Das ist eindimensional. Es ist bequem. Und es ist eine Methode, mit der man sich jede Auseinandersetzung mit dem Inhalt spart. Wer lügt, mit dem muss man nicht mehr diskutieren. Genau das ist der Zweck dieses Vorwurfs: Er ist kein Argument, er ist ein Hausverbot.
Streitet, aber verurteilt nicht
Die ehrlichste Lösung wäre, dass alle aufhören, so zu tun, als säßen sie über der Sache. Schreibt, was ihr denkt. Sagt dazu, wo ihr steht. Und lasst die Leser entscheiden, was sie davon halten.
Wer NIUS für schlecht hält, soll besser sein. Wer Fehler findet, soll sie benennen, Zeile für Zeile. Das ist Journalismus. Aber der Satz, die anderen lügen bewusst, ist keine Kritik. Er ist der Versuch, einen Konkurrenten aus der Debatte zu entfernen, statt ihn zu widerlegen.
Und mal ehrlich: Wer glaubt, in seiner eigenen Zeitung stehe die reine Wahrheit und in der anderen die reine Lüge, hat vom Journalismus nicht viel verstanden. Oder er hat sehr genau verstanden, wie man Stimmung macht.



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